Mäuseportraits

 

 

BlackBlackBlack

 

Mutter: ?

Vater: ?

Geboren: Frühling 2000

Gestorben: November 2001

Alter: > 1 Jahr

Todesursache: unbekannt

Partner: F49, F52

 

Kinder: ?

Enkel: ?

 

 

Wenn ich mir nun die Daten von damals anschaue, scheint es, als wüßte ich gar nicht viel über das Mäusemännchen BlackBlackBlack. Ich weiß nicht, wann er geboren wurde, noch wann er warum gestorben ist. Beobachtet habe ich ihn zum letzten mal am 16. September 2001, am nächsten Tag war er noch einmal in einer Falle. Aber danach war er verschwunden. Da er erst vor kurzem sein Territorium gewechselt hatte und erfolgreich bei der Gruppe 6 eingewandert war, bin ich mir aber sicher, daß er nicht einfach abgewandert ist. Irgend ein Unglück muß ihm widerfahren sein, eine Schlange oder ein Felsenbussard sind die wahrscheinlichsten Gründe für sein Verschwinden. Wieviel Kinder er wohl hatte, weiß ich auch nicht. Anfangs lebte er unten am Fluß, und ich weiß nicht sicher, zu welcher Gruppe er dort gehörte. Dann wechselte er zu Gruppe 6, aber ich weiß nicht, welche Kinder dort von ihm waren, welche evtl. von einem vorherigen Männchen. Es scheint tatsächlich so, als ob ich nicht viel von ihm weiß.

              Und trotzdem ist BlackBlackBlack eine ganz besondere Maus für mich, geradezu der Personifikation der Striemengrasmaus in Goegap. Er war freundlich, sowohl seinen Gruppenmitgliedern gegenüber als auch mir gegenüber. Er war aktiv, liebte die Fallen, ohne es mir übel zu nehmen, daß die zugingen. Tatsächlich könnte man sagen, BlackBlackBlack hatte ein Problem mit den Fallen, das andere nur mit Alkohol haben: Er war süchtig danach. Stellte ich irgendwo eine Falle auf, so hörte BlackBlackBlack das Klappern, und wenige Minuten später war er drin! Nahm ich ihn raus, ging er sofort in die nächste. Wir waren so aneinander gewöhnt, daß ich einfach die Falle aufmachte, woraufhin BlackBlackBlack ausstieg, auf meine Hand und dann meinen Arm kletterte, von dort auf den Boden sprang und sich auf den Weg zur nächsten Falle machte. BlackBlackBlack war definitiv ein Fallenholiker!

              Was BlackBlackBlack so besonders für mich macht ist, daß er die erste Striemengrasmaus war, die ich kennen lernte. So war BlackBlackBlack für mich das, was die weltberühmte Schimpansin Flo für die noch berühmtere Verhaltensforscherin Jane Goodall war. Er führte mich quasi bei den Striemengrasmäusen Goegaps ein. Seine zutrauliche und neugierige Art machten es einfach, ihm zu folgen und Einblick in sein Privatleben zu bekommen und somit in das Leben der Striemengrasmäuse.

              Als ich BlackBlackBlack 2001 traf, war es meine erste Feldsaison in Goegap. Mein Ziel war es, das Sozialsystem der Mäuse in Goegap zu erforschen, und vor allem die Rolle der Männchen interessierte mich. Waren sie sozial, fürsorgliche Väter wie ich in Gefangenschaft gefunden hatte, oder waren sie grummelige Einzelgänger, wie es für diese Art für die Populationen in den Grasländern beschrieben worden ist? Ich wußte noch gar nicht, was für Ergebnisse ich finden würde. Und ich wußte auch nicht, ob mein Forschungsansatz Erfolg haben würde. Neben dem traditionellen Fangen und Markieren wollte ich die Mäuse auch direkt im Freiland beobachten, ein Novum in der Mäuseforschung. Aber ob das klappen würde, war die kritische Frage. Und die positive Antwort war BlackBlackBlack: Ja, es war möglich einer Striemengrasmaus wie BlackBlackBlack über die Schulter zu schauen!

              Und was machte BlackBlackBlack so? Z.B. wurde e von einer Buschkarooratte von ihrem Nest weggejagt. Später sollte diese Art von Beobachtungen zu einer Publikation über Konkurrenz zwischen den beiden Arten um Nistplätze führen. Er wurde auch von den Weibchen einer Nachbargruppe verjagt, währen er mit den Weibchen seiner Gruppe eine sehr positive Beziehung hatte, und sich die Tiere häufig gegenseitig das Fell pflegten oder einfach gemeinsam eng aneinander gekuschelt dasaßen. Auch diese beiden Beobachtungen wurden später in zwei Publikationen aufgegriffen. BlackBlackBlack war außerdem sehr freundlich gegenüber den Jungen an seinem Nest, er begrüßte diese eifrig, wenn er sie abends am Nest traf, und kraulte deren Fell. Dieses Verhalten der Männchen wurde in einer zusätzlichen Publikation besprochen.

Das wichtigste war, daß BlackBlackBlack mir zeigte, daß Striemengrasmäuse in sozialen Gruppen leben und welche Rolle die Männchen hierbei spielen. Auch die Männchen sind sozial, ja scheinen fast sozialer als die Weibchen. Sie haben gute Beziehungen zu allen anderen Gruppenmitgliedern. Und BlackBlackBlack war einfach ein prima Kerl. Das mag unwissenschaftlich klingen und ist es auch; aber darüber habe ich ja auch keine wissenschaftliche Publikation geschrieben. Obwohl: Seit ich BlackBlackBlack kennen gelernt habe, schwebt mir eine wissenschaftliche Arbeit über die Individualität der Striemengrasmäuse vor!

              Zuletzt noch: Wie kam BlackBlackBlack zu seinem auffälligen Namen? Schon damals markierte ich die Mäuse individuell mit Haarfarbe, aber noch nicht mit Nummern. Statt dessen bekamen die Mäuse mehrere Streifen unterschiedlicher Haarfarben hintereinander, Blond, Rot, Violett oder Schwarz. Und BlackBlackBlack bekam eben drei schwarze Streifen, sah daher ganz schwarz aus. Ob er mir auch so gut eingeprägt geblieben wäre, wenn sein Name BlondRotViolett gewesen wäre? Mit seiner Persönlichkeit sicher, aber vielleicht habe ich ihm auch gerade deswegen unbewußt diese einprägsame Markierung gegeben.

 

 

BlackBlackBlack auf meiner Hand

BlackBlackBlack war eine wilde Maus, aber gar nicht wild.

 

 

Publikationen mit Beobachtungen, die zuerst bei BlackBlackBlack gemacht wurden:

 

Schradin C, 2004. Territorial defense in a group living solitary forager: who, where against whom? Behav Ecol Sociobiol 55:439-446.

Schradin C, 2005. Nest side competition in diurnal rodents from the succulent karoo of South Africa: The striped mouse (Rhabdomys pumilio) against the bush karoo rat (Otomys unisulcatus). J Mammal 86 (August).

Schradin C, Pillay N, 2003. Paternal care in the social and diurnal striped mouse (Rhabdomys pumilio): laboratory and field evidence. J Comp Psychol 117:317-324.

Schradin C, Pillay N, 2004. The striped mouse (Rhabdomys pumilio) from the succulent karoo of South Africa: A territorial group living solitary forager with communal breeding and helpers at the nest. J Comp Psychol 118:37-47.

 

 

Männchen 9

 

Mutter: ?

Vater: ?

Geboren: 2001

Gestorben: Dezember 2002

Alter: >1 Jahr

Todesursache: ?

Partner: keine

 

Kinder: ?

Enkel: ?

 

Männchen 9 ging mir ganz am Anfang der Saison 2002 in die Falle. A, 3 September 2002 wog er 61.3 g, und war damit eigentlich ein ganz schön großes Männchen. Er lebte ganz am Rand des Field Sites, nur etwa 100 Meter von der Forschungsstation entfernt. Bisher hatte ich dort noch keine Mäusegruppe beobachtet, so daß ich gespannt war zu sehen, zu wem den M9 gehört.

              Mitte Oktober bekam M9 eine Radiotransmitter umgehängt. Ich war gespannt zu sehen, wo er wohnt, und vor allem mit wem. Ich hatte ihn im Gebiet der Weibchen 23und 27 gefangen, doch wußte ich bereits, daß diese gemeinsam mit M 51 eine Gruppe bildeten. M9 war mehr am Rand, und ich erwartete, dort eine neue Gruppe zu finden.

              So ging ich abends, nachdem die Sonne schon untergegangen war, los, um M9 zu telemetrieren. Sein Signal kam von einer offenen sandigen Fläche her, kein Busch und nichts. Aber genau hier war er, und so vermutete ich, daß er unterirdisch in einem verlassenen Pfeifrattennest die Nacht verbringt. Und richtig, als ich am nächsten Tag um 6.30 mich dorthin hockte, saß ich M9 kurz nachdem die Sonne aufgegangen war aus einem Pfeifrattenbau herausrennen. Und so verschwand er im Feld. Ich aber blieb sitzen, um zu sehen, welche anderen Mäuse noch aus dem Bau rauskommen würden. Mit wem lebte M9 zusammen, womöglich mit mir unbekannten Weibchen, oder mit Tieren, die wir zwar schon markiert hatten, von denen wir aber nicht wußten, wo sie hingehörten?

              Und so wartete ich und wartete ich, eine Dreiviertel Stunde lang. Aber keine andere Maus kam, womöglich hatten sie schon das Nest verlassen? Abends und am nächsten morgen sah ich wieder M9, aber keine andere Maus. Langsam dämmerte es mir, daß M9 ein Einzelgänger war, eine Maus ohne Gruppe. So etwas hatten wir bisher noch nie beobachtet. Dabei war es aber eher überraschend, daß es so wenige Einzelgänger gab. Gruppen bestehen immer aus einem Zuchtmännchen und 2-4 Weibchen. Da aber genauso viele Männchen wie Weibchen auf die Welt kommen, es aber viel mehr Weibchen als Männchen in den Gruppen gibt, müssen ja irgendwo die „überzähligen“ Männchen bleiben. Viele sterben wahrscheinlich auf der Suche nach einer Weibchengruppe.

              Nicht so M9, er hatte sein festes Territorium. Dieses war zwar etwas größer, als das der meisten anderen Männchen, aber nicht viel. Und wir fanden dann doch noch eine Gruppe im Territorium von M9, die Ruinengruppe. Diese lebten in einer Schutthalde, wie wir fälschlicher Weise erst als Ruine angesehen hatten. Es war eine alte, bis zu 3 Meter tiefe Viehtränke, die mit dem Schutt eines abgerissenen Gebäudes gefüllt war. Hier lebte also die Ruinengruppe, die ganz schön groß war: 17 Mäuse, darunter zwei Zuchtweibchen. Aber eben auch ein Zuchtmännchen, das M200. M200 schlief immer mit der Gruppe im Nest, M9 nie. M9 schien einfach eine arme Sau zu sein, die keine Gruppe abbekommen hatte. Auch beobachtet ich M9 nie bei der Gruppe, er war immer alleine in seinem alten Pfeifrattenloch. Trotzdem überlappte sein Territorium stark mit dem der Runinengruppe, irgendwie schien er als Außenseiter dazuzugehören. Auch sah ich nie, daß er von einer Maus der Ruinengruppe davon gejagt wurde.

              Die Situation änderte sich plötzlich im Dezember 2002. Die Fortpflanzungssaison war nun zu Ende, die Gruppen hatten ihre maximale Größe erreicht. Die Ruinengruppe bestand nun aus 17 Mäusen, fast alle erwachsen. Und nun war plötzlich auch M9 am Nest zu beobachten. Er saß dort sogar im Körperkontakt mit M214, einem erwachsenen Sohn von M200, und groomte diesen. Das lange Ausharren von M9 am Rande der Ruinengruppe hatte sich ausbezahlt, er war von der Gruppe aufgenommen worden.

              Warum war dies passiert? Ich denke, daß M200 während der Fortpflanzungssaison das M9 von der Gruppe ferngehalten hatte. Beide wogen mit 65g etwa gleich viel, aber irgendwie war es M200 doch gelungen, die Weibchen der Ruinengruppe für sich zu monopolisieren. Als dann die Fortpflanzungssaison zu Ende war, war auch die Konkurrenz zwischen M9 und M200 um die Weibchen zu Ende. M9 war es nun erlaubt, der Gruppe beizutreten.

              M9 ist ein Einzelfall, der viele Fragen offen läßt. Was war sein Verhältnis zur Ruinengruppe und zu M200? War er ein erwachsener Sohn der Ruinengruppe aus dem Jahr zuvor, der während der Fortpflanzungssaison von M200 vertrieben wurde? Oder war er zwar ein Fremder für die Ruinengruppe, aber womöglich ein Bruder von M200, so daß dieser ihm später erlaubte, zur Gruppe zu stoßen? Und war er wirklich so erfolglos, während M200 der Vater aller Jungen der Ruinengruppe war? Vielleicht hatte sich ja auch M9 während des Tages mit Weibchen sowohl der Ruinengruppe als auch der angrenzenden Gruppe vom Busch 6 gepaart. Hatte er womöglich eine taktische Rolle als Satellitenmännchen verfolgt? Wenigstens auf diese Frage werden wir vielleicht eine Antwort bekommen, wenn wir genetische Tests mit den vorhandenen Proben machen und Vaterschaften bestimmen. Auf jeden Fall bieten Männchen wie M9 noch eine interessante Möglichkeit für zukünftige Studien.

 

 

Weibchen 38

 

Mutter: ?

Vater: ?

Geboren: wahrscheinlich September 2002

Gestorben: Ende Dezember 2003

Alter: ca. 1.2 Jahre

Todesursache: unbekannt.

Partner 2003 M25, M29, M73

 

Kinder: mindestens 4, darunter F414 und M419

Enkel: Mindestens 12

F: Female = Weibchen

M: Male = Männchen

 

Weibchen 38 war eine der Überlebenden der schlimme Dürre im Winter 2003. Als ich ich sie am 28. Juli zum ersten mal in der Falle hat, wog sie gerade 35g. Nach dem Regen im August nahm sie aber schnell zu. Am 20. November hatte sie – hochschwanger – ihr Gewicht mehr als verdoppelt, auf 76g!

F38 war eine besonders zahme Maus. Machte man bei ihr eine Nestbeobachtung, hatte man immer das Gefühl, vollkommen akzeptiert zu sein. Die Anwesenheit des Beobachters machte irh gar nichts aus. Statt dessen roch sie neugierig an dessen Schuh. Falle mochte sie gerne, aber nicht, dass sie zugingen. Auch das Herausschütteln in eine Plastiktüte (so bekommen wir die Tiere aus den Fallen) gefiel ihr gar nicht. Sie hatte sich angewohnt, sobald die Falle geöffnet wurde, wie ein Blitz herauszurennen. Häufig schauen wir in die Falle nämlich vorsichtig rein, um zu sehen, was drin is (Maus, Elefantenspitzmaus, Vogel, oder hat nur der Wind sie geschlossen). Bei F38 führte dies aber fast zu Verletzungen. Eine Maus, die einem mit voller Kraft ins Gesicht springt, kann ganz schön wehtun, und ihr war es sicher auch  nicht angenehm. Also wurde bei den Fallen an ihrem Nest immer gleich eine offene Plastiktüte als „Airbag“ vor den Falleneingang gehalten.

F38 lebte bereits während der Trockenzeit relativ weit vom trockenen Flußbett weg. Wo die anderen Mäuse von den wenigen Blättern des Pinkelbusches lebten. Nach dem Regen verlagerte sie dann ihr Home Rangeganz vom Flussbett weg, in die sandigen Ebenen. Hier wachsen besonders viele Wildblumen und Kräuter nach dem Regen, wichtige proteinreiche Nahrung für die Mäuse.

F38 bekam drei mal Junge. Vom ersten Wurf sahen wir aber gar keine aus dem Nest kommen. Eventuell waren sie in der Kälte erfroren, oder hatte ein Raubfeind sie getötet? Von ihrem zweiten Wurf kam auc nur ein Junge vor dem Nest zum Vorschein, von ihrem dritten immerhin 3. F38 war Ende Dezember plötzlich verschwunden, wahrscheinlich von einem Raubvogel gefressen oder einer Speikobra, welche mehrmals in der Nähe ihres Nestes gesehen wurde.

4 Junge ist aber bei weitem kein besonders großer Fortpflanzungserfolg für eine Maus! Aber zwei davon, ihr Sohn M419 und ihre Tochter F414, lebten noch bis zum August 2004 zusammen in einem Nest. Danach zog M419 um, er kam zu uns an die Forschungsstation. Nicht, daß wir ihn gefangen hätten, aber hier lebte er mit einem wilden Mäuseweibchen zusammen und zeugte viele Kinder. F414 blieb erst allein, verpaarte sich dann aber dauerhaft mit M403, und beide zogen zusammen mindestens 6 Junge groß. F38 hatte also relativ wenig Kinder, aber dafür sehr erfolgreiche. Ihre Enkel bewohnen immer noch (Januar 2005) ihr altes Territorium und werden von uns beobachtet.

 

 

Weibchen 38

 

Mäuseportrait

 

 

Male 419

 

Mutter: F38

Vater: M29

Geboren: 1. November 2003

Gestorben: Mitte Dezember 2004

Alter: 13 Monate

Todesursache: Verschwunden

Partner 2004: F144

 

Kinder: 10 Söhne, 6 Töchter

Enkel: ?

 

Wenn ich an Männchen 419 denke, fallen mir immer die Gary Larson Cartoons ein. Ich stelle mir einen Cartoon vor, wie M419 gerade die Forschungsstation betritt, und dabei denkt: „Endlich habe ich sie an mich gewöhnt und die Menschen haben mich als einen der Ihren anerkannt!“. Denn irgendwie gehörte er ja schon dazu!

              Geboren wurde M419 im November 2003. Seine Mutter war F38, die bei allen Studentinnen wegen ihrer Zutraulichkeit berühmt war, und ihrer Eigenheit, wie ein geölter Blitz aus der Falle zu rasen, sobald man diese öffnete. Von ihr hatte wohl auch M419 seine Vertrautheit in die Menschheit erlangt. Sein wahrscheinlicher Vater war M29, ein Herumstreuner, den M419 wohl nie wirklich getroffen hat.

              Als M419 mit einem Alter von 6 Wochen eine jugendliche Maus war, lebte er noch mit seinen Geschwistern bei seiner Mutter. Allerdings verschwand diese Ende Dezember 2003, wahrscheinlich fiel sie einem Raubfeind zum Opfer. So lebte M419 nun alleine mit seinen Geschwistern, zwei Brüdern und der Schwester 414. Die Fortpflanzungssaison war im Dezember vorbei, und die vier blieben auch als erwachsene Mäuse zusammen in ihrem Geburtsterritorium. Das war auch noch so der Fall, als ich Ende Mai 2004 wieder nach Goegap kam. M419 und seine Schwester F414 lebten immer noch im selben Gebiet. Allerdings waren die beiden Brüder verschwunden, wahrscheinlich im Laufe der Zeit Räubern zum Opfer gefallen. Die Gruppe war also ganz klein im Winter 2004, doch Bruder und Schwester hielten sich nachts gegenseitig warm.

              M419 tauchte Ende Juli an der Forschungsstation auf. Der Studentin Melanie gefiel das gar nicht, gehörte er doch zu seiner Schwester F419, und sie trug ihn die 200 Meter von der Station weg zum Nest seiner Schwester. M419 ließ sich aber nicht beirren und kam immer wieder zur Forschungsstation. Es war nun kurz vor der Fortpflanzungssaison, die im nächsten Monat anfing, und an der Forschungsstation gab es etwas, das M419 wichtiger war, als seine Schwester: Ein fremdes Weibchen, F144, die zukünftige Partnerin von M419. Diese lebte in einer Nestbox direkt vor meinem Buerpfenster, und M419 zog dort nun auch ein. Morgens sah ich ihn an der Vogeltränke vor meinem Fenster, mittags auf der Veranda der Station,

und nachmittags hinten am Grillplatz. M419 gehörte nun wirklich zu uns und lies sich auch überhaupt nicht von uns stören. So spazierte er mehrmals gleichgültig in die Station rein, um sich an dem Vorrat Sonnenblumenkernen zu laben, die wir dort als Futter für unsere Gefangenschaftskolonie aufbewahrten. Doch zu seinem wahrscheinlichen Mißfallen warfen wir ihn immer wieder raus.

              M419 bekam hier eine große Familie und da wir ja genau wußten, wo er lebte, nahmen wir ihm auch den Transmitter ab. Zudem konnte er nicht mehr wirklich als wilde Maus gelten und musste somit aus allen wissenschaftlichen Analysen rausgenommen werden, so dass er den teuren Transmitter eh nicht mehr verdiente.

              Etwas Unruhe trat jedoch auf, als er im November plötzlich nicht mehr zu sehen war und als vermisst eingestuft wurde. War er gefressen worden, von einer der Speikobras, die öfters um Haus schlichen? Dann fing ich ihn aber in der Nähe vom Nest der Gruppe 14 von F194, mehrere hundert Meter vom Haus entfernt. So wie Melanie damals wollte ich ihn zuerst fast wieder „nach Hause“ tragen, zu seiner Familie am Haus, doch dann konnte ich mir das doch verkneifen, und ihn dort lassen, wo er anscheinend sein wollte.

              Wir fingen ihn noch mehrmals an verschiedenen Nestern, weit weg von seiner Familie. Warum bloß hatte er diese verlassen? Der wahrscheinliche Grund waren seine erwachsenen Töchter, welche nun geschlechtsreif geworden waren. Um Inzucht zu vermeiden, hatte er diese verlassen, so dass ein anderes Männchen einwandern konnte, während er sich auf die Suche nach den erwachsenen Töchtern eines anderen Männchens machte. Er kam zur Gruppe 14 von F194 und zur Gruppe 12 von F434 beim Busch B18. Doch bei keiner dieser Gruppen wanderte er ein. Am 11. Dezember 2004 wurde er zum letzten Mal gefangen, danach war er verschwunden. Gut möglich, dass er außerhalb unseres Studiengebietes doch noch eine Gruppe gefunden hat, in welche er einwandern konnte. Zumindest wäre ihm das zu gönnen, anstatt ein einsames Ende als umherstreunendes Männchen. Denn er war ja doch ein recht sozialer Kerl, unser M419!

 

M419 untersucht eine Falle, die an der Forschungsstation aufbewahrt wird, ob nicht doch noch etwas Futter drin ist. Den Transmitter haben wir uns später bei ihm gespart.

 

Männchen 79

 

Mutter: ?

Vater: ?

Zuerst gefangen: 16. Oktober 2003, als adultes großes Männchen

Zuletzt gefangen: 14. September 2004

Alter: > 2 Jahre

 

Partner: F286

 

Kinder: 1 Sohn, 3 Töchter

Enkel: ?

 

Männchen 79 war uns zuerst ein Rätsel. Gefangen haben wir ihn unten im trockenen Flulauf, bei dem Nest von F68. Als wir ihm aber einen Sender anlegtem wie allen erwachsenen im Flußbett gefangenen Mäusen, merkten wir, daß er sich kaum im Flusbett aufhielt. Das war 2003, einem Jahr mit schlimmer Dürre. Lediglich unten am trockenen Flußbett wuchs einiges an Mäusefutter. Aber M79 lebte oben, den Hang hoch, am Rande einer trockenen Sandebene. Es schien dort überhaupt nichts zu wachsen, nur vertrocknete Büsche. Es sah wirklich nicht nach einem guten Territorium aus.

              Das war ganz im Gegensatz zum trockenen Flußbett. Dort gab es nicht nru Futter, sondern, was für Mäusemännchen eigentlich noch wichtiger ist, einige Mäuseweibchen. Wie F68 oder F52, und noch einige mehr. Die anderen Männchen, wie M69, lungerten deshalb hier herum. Aber warum schien M79 alle anderen Mäuse zu meiden? Mit ca. 59g Körpergewicht war er etwas leicheter als M69 mit 65g. Vetriebt M69 das M79, und drängte ihn an den Rand des von Mäusen bewohnbaren Bereichs? Oder wollte M79 einfach nur seine Ruhe? War er ein Mäusephilosoph, der in die Wüste gegangen war, weit weg von allen anderen Mäusen, um über den Sinn des Mäuselebens nachzudenken?

              Sicher eine interessante These, aber wissenschaftlich kaum nachweisbar. M79 wich noch von anderen Männchen dadurch ab, daß er immer im selben Nest schlief, im Nest 104. Dieses war in einem großen Lycium Busch, der immerhin etwas Futter bot. Aber war da vielleicht noch mehr im Busch, was das Verhalten von M79 erklären konnte?

              Das Nest 104 war weit weg von der Forschungsstation, am Ende des Untersuchungsgebietes. Wenn man morgens schom um 6.00 am Nest sitzen muß, um die dortigen Mäuse zu beobachten, so möchte man nicht gerne noch extra 20 Minuten weit laufen, bis man da ist. Dies und meine Faulheit erklären vermutlich, warum es so lange dauerte, bis ich mich endlich vor das Nest 104 setzte, um zu schauen, was da los war. Im Jahre 2003 waren fast alle Männchen Herumtreiber, welche verschiedene Weibchen besúchten, aber zu keiner Gruppe permanent gehörten. Deshalb war ich etwas überrascht, als kurz nach 6, als die Sonne auf das Nest schien, neben M79 noch eine ganze Mäusefamilie aus dem Busch herauskam. M79 war gar kein Einzelgänger, statt dessen ein Familienvater! Und da er kein Herumtreiber war, sondern immer bei seiner Familie blieb, schlief er auch immer im selben Nest. Anstatt Philosophie betrieb er also Verantwortung, auch wenn diese Aussage natürlich sehr . zu sehr vermenschlicht ist.

              Nach er Dürre im Jahr 2003 stieg die Populationsdichte der Mäuse im besseren jahr 2004 wieder stark an. Deshalb verkleinerten wir 2004 unser Studiengebiet. Das Territorium von M79 gehörte nicht mehr dazu, und wir fingen nur sporadisch 2x dort. Aber M79 war noch da, ebenso seine Partnerin, das Weibchen 286. Beide hatten bis mindestens September 2004 überlebt, der neuen Fortpfalnzungssaison. Beide waren auch noch im selben Gebiet, womöglich immer noch ein Paar. Auch wenn uns genaue Informationen fehlen, ist es doch ein schöner Gedanke, daß beide über ein Jahr (fast ein ganzes Mäuseleben!) zusammen geblieben sind: „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“!?.

 

 

 

Männchen 69

 

Mutter: ?

Vater: ?

Geboren: Wahrscheinlich 2002

Gestorben: 2003?

Alter: > 1 Jahr

Todesursache: unbekannt

Partner: F52, F68 und wahrscheinlich viele mehr

 

Kinder: ?

Enkel: ?

 

 

Männchen 69 wurde das erste mal von uns am 10. September 2003 gefangen und das letzte mal am 29. November, also nur 2.5 Monate später danach war er verschwunden, eventuell von einem Raubtier gefressen. Ich tippe aber eher darauf, dass der Junge abgewandert ist. Denn was M69, den wir ja nur relativ kurz kannten, so erinnerungswürdig macht, war das Laufpensum, das der Junge an den Tag legte.

              M69 hatte das größte Home Range, welches wir je bei einer Maus gemessen haben: 9,5 Hektar! Das sind fast zehn Fußballfelder. Zum Vergleich: Die anderen Männchen hatten im selbern Jahr ein Home Range vin im Durchschnitt nur 2,1 ha, die Weibchen sogar nur 0,4ha! Und dabei hatten die Mäuse im Jahr 2003 extrem große Home Ranges, da es ein Dürrejahr war. Die Populatioonsdichte war gering, es gab Raum, in welchen maus sich ausdehnen konnte, und die Mäuse nutzten das aus. Im Vorjahr, als es viel mehr Mäuse gab und große Gruppen Goegap beherrschten, die aggressiv jeden Fremden von ihrem Territorium vertrieben, hatten die Männchen Home Range von nur 0,2 ha. Das Home Range von M69 war fast 50 mal so groß!

              Warum hatte M69 ein derart großes Home Range? In Jahren hoher Populationsdichte leben die Mäuse in Gruppen aus 2-4 Weibchen und deren Jungen. Zu jeder Gruppe gehört auch ein Männchen. Nach der Dürre im Winter 2003 lebten die Mäuseweibchen aber einzeln. Es gab keine Gruppen von Weibchen mehr, denen sich ein Männchen hätte anschließen können. Natürlich hätten die Männchen sich einem einzelnen Weibchen anschließen können, und ein monogames Leben führen. Aber die Mäusemännchen haben sich anders entschieden: Sie besuchten ein Weibchen nach dem anderen. Ihre Home Ranges überlappten daher mit denen mehrer Weibchen, und Männchen machte da keine Ausnahme. Mal schlief er im Nest von F52, mal in dem von F68. Und häufig schlief er alleine, oder mit einem uns unbekannten Weibchen. Das ist sogar sehr wahrscheinlich. Gefangen haben wir ihn nämlich am Nest von F68, welches ganz am Ende unseres Studiengebietes liegt. Er bekam seinen Sender – und verschwand. Nach langem Suchen fanden wir ihn endluich, 100 Meter weiter hinten im trockenen Flußbett, weit weg von unserem Studiengebiet. Hier hielt er sich zwei tage lang auf, waum wissen wir nicht. Aber ich bin mir doch sicher, daß da ein unbekanntes Mäuseweibchen dahinter steckte.

              Die Studentinnen waren wenigsten froh zu wissen, wo er steckte. Aber dann war er plötzlich wieder weg. Langes suchen in uns noch unbekannten Gebieten, wohin er sich womöglich verzogen hat, aber nicht! Da so ein Sender teuer ist und wir auch nicht gerne Mäuse unnötig damit rumrennen lassen, ging ich dann selber los. Ich machte von Anfang an den Receiver an und hörte olötzlich sein Signal gar nicht weit weg von der Forschungsstation, aber weit weg von seinen letzten Schlafplätzen. Zuerst dachte ich an eine atmosphärische Störung, aber er war es wirklich! War er Anfangs ganz außerhalb unseres Studiengebietes gewesen, so war er nun mittendrin. Hier hatte niemand nach ihm gesucht!

              War er also einfach abgewandert? Nahmen wir fälschlicher Weise sein altes und sein neues Territorium auf, weshalb es so unnatürlich groß erschien? Antwort darauf agben die nächsten Tage. Denn nun wurde M69 wirklich unter die Lupe genommen. Eine Studentin setze sich morgens vo sein Nest, mit Receiver und Schreibbrett bewaffnet: M69 wurde für die ersten drei Stunden des Tages beobachtet, der Hauptaktivitätszeit der Mäuse. Und wie M69 aktiv war! Der Typ stand auf und rannte einfach los. Fast den ganzen Field Seite lang, wieder zurück nach hinten, und über den Field Site hinaus. Der Studentin fiel es schwer, mit diesem Dauerläufer Schritt zu halten. Nur manchmal hielt er an und fraß gemütlich von einer Sukkulente oder einem Busch. Hierbei ließ er sich gar nicht vin der Anwesenheit seiner Beobachterin stören. Er rannte also nicht von ihr weg, sondern hatte andere Gründe für sein Verhalten. Wahrscheinlich suchte er nach einem Weibchen.

              M69 wurde über die nächsten Tage noch mehrmals beobachtet und machte seinem Ruf als „Renner“ alle Ehre. Dann nahmen wir ihm den Transmitter ab, ende Oktober. Er ging noch mehrmals in die Fallen, das letzte mal am 29. November. Danach haben wir nichts mehr von ihm gehört oder gesehen. Ich hoffe, er ist einfach woandershin weitergerannt.

 

Weibchen 43

 

Mutter: F1, F2, F3 oder F4

Vater: M7

Geboren: Anfang September 2002

Gestorben: Anfang Dezember 2003

Alter: 1.2 Jahre

Todesursache: unbekannt, evtl. Raubvogel

Partner 2003 M25 und M29

Schwester von F117

Kinder: ca. 6, darunter F129 und F194

Enkel: Mindestens 21

F: Female = Weibchen

M: Male = Männchen

 

 

Wenn es eine Maus gibt, die Hoffnung und Ausdauer für mich symbolisiert, dann Weibchen 43 (F43). Als ich 2003 zurück nach Goegap kam, um „meine“ Mäuse zu untersuchen, ahnte ich noch gar nicht, welche Katastrophe meine Studientiere in den letzten 6 Monaten durchgestanden hatten. Es herrschte eine schreckliche Dürre, der Herbsregen war ausgeblieben, und somit  gab es für die Mäuse nichts zu fressen. Auch im Winter regnete es nicht, bzw. Erst ganz am Ende, die Mäuse wurden immer dünner, immer schwächer, udn starben weg. Von meinen über 200 Studientieren aus dem Vorjahr hatten nur 4 überlebt, darunter F43 und ihrr kleine, einen Monat jüngere Schwester, F117. Als der Regen kam und i Gefolge eisig kalte Luft aus der Antarktis, starben noch einmal die Hälfte der Mäuse, und von meinen aus dem Vorjahr bekanntne Studientiere überlebten nur F43 und F117.

              F43 war aber nicht unterzukriegen. Sie war in besserer körperlicher Verfassung, und bekam nur wenige Wochen nach dem Regen ihre ersten Jungen. Zwar war es nur ein Wurf von 2 Jungen, währen 5 Junge eigentlich normal sind. Aber von einem ausgemerkelten Weibchen konnte man nicht mehr erwarten. Und einen Monat später bekam sie noch einmal einen Wurf.  Beide Jungen ihres ersten Wurfes hatten überlebt, die Weibchen 88 udn 90. Gemeinsam mit diesen zog sie im November noch einen weiteren Wurf groß. F43 begann gemeinsam mit ihren Töchtern F88 und F90 das Land der Mäuse wieder zu bevölkern. Und ihre kleine Schwester F117, die inzwischen woanders wohnte, tat daa ihrige dazu, aber das ist eine andere Geschichte.

              F43 bedeutet für mich Hoffnung, weil sie die schlimme Katastrophe nicht nur überlebt, sondern auch, weil ihre Nachkommen wieder das Land der Mäuse bevölkerten. Anfang 2005, als ich das schreibe, stammen zwei der wichtigsten Gruppen in Goegap von ihr ab: Die Gruppen der Weibchen F194 und F129. Beide Weibchenzogen 2004 erfolgreich Junge auf und gründeten 2 neue große Mäusegruppen. Zwei weitere Mäusegruppen wurden von den Weibchen F75 und F434 gegründet. Beide sind entweder auch Kinder von F43, oder ihre Enkel, nämlich Kinder der F88 und F90, beides Töchter von F43. Diese Mäusegruppen werden noch immer von uns beobachtet, und vor allem F129 erinnert mich stark an ihre Mutter.

              Wer war F43? Wie überlebte sie die Dürre, welcher 99% aller anderen Mäuse zum Opfer fielen? War sie besonders vorsichtig, scheu und zürückgezogen? Ganz im Gegenteil! F43 überlebte, weil sie mit allen Wassern gewaschen war, straks die Sache anging und vor nichts zurückschreckte. Das sah man schon, wenn man abends an ihr Nest kam, um sie zu wiegen. Sofort kam sie herbei und sprang auf die Waage, frass die Erdnußbutter, dann sonnte sie sich vor ihrem Nest. So war es auch nicht schwierig festzustellen, wenn sie das Nest wechselte. Denn sie bemerkte trotzdem sofort, wenn man mit der Waage kam, kam sofort herbei, und – anstatt sich zu sonnen – ging dann gemütlich zu ihrem Nest. Man brauchte ihr nur zu folgen, was ihr gar nichts ausmachte. Dort traf man dann auch den Rest der Familie, die Schwestern F88 und F90, sowie die Kleinen der Gruppe. Die beiden erwachsenen Schwestern und F43 teilten sich nämlich ein Nest und zogen gemeinsam die Jungen groß. Ich konnte hierbei nicht sagen, wer die Mutter war.

              Trotz aller Pfiffigkeit ereilte auch F43 das Schicksal. Anfang Dezember 2003 war sie plötzlich verschwunden. Ich weiß nicht, was mit ihr passiert ist, aber ich vermuet, daß sie einem Felsenbussard zum Opfer gefallen ist. Ich kannte sie lange, und in meiner Verzweiflung im Frühjahr 2003, als alle meine wissenschaftlichen Projekte durch die Dürre vor der Zerstörung standen, gab sie mir Hoffnung. Sie hatte als erstes Weibchen im Jahre 2003 Junge, und diese zu sehen, weckte in mir unglaubliche Glückgsgefühle, denn ich wußte, es wird weiter gehen mit den Striemengrasmäusen in Namaqualand. Dementsprechend schmerzhaft war es, als F43 plötzlich verschwunden war. Doch die Hoffnung, die sie gegeben hatte, konnte nicht mehr genommen werden, sondern ist zur Zukunft der Mäuse von Goegap geworden: Das Land der Mäuse lebt!

 

Weibchen 43 im Jahre 2003 vor ihrem Nest. Sie wiegt sich selber auf einer Waage, auf welche etwas Erdnußbutter geschmiert ist. Sie bekam als erstes Weibchen nach der Dürre 2003 Junge und sorgte damit zur Wiederbesiedlung des entvölkerten Land der Mäuse.

 

 

Weibchen 117

 

Mutter: F2 oder F4

Vater: M7

Geboren: Anfang Oktober 2002

Gestorben: Anfang Juli 2004

Alter: 1.8 Jahre

Todesursache: Wildkatze?

Partner 2003 M25

Partner 2004: M427

Kinder: ca. 10

Enkel: Mindestens 32

F: Female = Weibchen, F117 ist also Weibchen 117

M: Male = Männchen

 

Wenn es eine Maus gab, die mir noch sympathischer war als F117 (F17=Weibchen17), dann ihre große Schwester F43. Aber F117 lebte fast ein Jahr länger als 43. Mit 1.8 Jahren war sie tatsächlich eine der ältesten Mäuse, die wir je im Freiland hatten. Dabei waren die Voraussetzungen, dieses Mäusemethusalemalter zu erreichen, alles andere als gut.

Geboren wurde F117 Anfang Oktober 2002. 2002 war eigentlich ein gutes Jahr, die Mäusepopulation war sehr hoch. Ihre Ursprungsgruppe bestand aus den züchtenden Weibchen 1,2, 3 und 4, welche wahrscheinlich Schwestern waren. F1 und 3 wurden aber am selben Tag im September 2002 von einem Felsenbussard gefressen, so daß nur F2 und F4 als Mutter für sie in Betracht kommen. Das Männchen der Gruppe war M7, welcher also der potentielle Vater ist. Da die Ursprungsgruppe groß war und es im Winter 2002 gut geregnet hatte, so daß es während der Fortplanzungssaison 2002 viel Futter gab, wuchs F117 in einer großen Familie auf. Am Ende der Fortpflanzungssaison bestand die Gruppe aus 26 erwachsenen Mäusen, 12 Weibchen und 14 Männchen. Und nichts deutete auf die Katastrophe hin, welche diese große Familie erwartete.

              Im Sommer 2002 begannen die Pflanzen zu vertrocknen. Das ist nichts ungewöhnliches und passiert jeden Sommer. Die Mäuse werden dann zwar dünn und verlieren mehr als 10% ihres Körpergewichts, aber die meisten überleben diese Trockenzeit trotzdem, denn im Frühling haben sie sich richtig fett gefressen. Und im Herbst, auf der Südhalbkugel also April/ Mai, kommen die ersten Herbstregen, gefolgt vom Winterregen ab Juni. Auf den ersten Regen folgen auch bald die ersten grünen Pflanzen, die Herbstblumen, welche wieder reichlich Nahrung für die Mäuse bieten.

              So sollte das eigentlich sein und so war es die ganzen letzten Jahre. Aber so war es nicht im Herbst/ Winter 2003. Von April bis Mitte August, während der Hauptregenzeit, fiel so gut wie gar kein Regen. Das Land trocknete total aus. Es gab noch nie so einen trockenen Winter in Namaqualand, zumindest nicht seit dem Jahre 1963, als die Wetterstation in Springbok ihre Arbeit aufnahm. Kein Regen, kein Pflanzenwachstum, kein Mäusefutter. Die Mäuse wurden immer dünner, immer schwächer, und immer mehr von ihnen starben. Von der Großfamilie von 26 Mäusen überlebten nur 2 bis zum August 2003, F117 und ihre Schwester F43. Dann kam doch der Regen, Ende August öffneten sich die Himmelstore, es regnete und regnete. Es regnete mehr als in irgendeinem August seit 1963. Danach wurde es eisig kalt und viele der ausgehungerten Mäuse starben an der Kälte. Aber nicht F117. Sie teilte sich gemeinsam mit ihrer Schwester F43 und M25 nachts ein Nest. Gegenseitig hielten sie sich warm, und gemeinsam überlebten sie die Kälte.

              Der Regen hatte dann doch noch einen späten Frühling ermöglicht. Die beiden Schwestern teilten weiterhin ein Nest, doch als F43 hochschwanger war, verließ sie ihre Schwester, kurz bevor sie ihre Jungen zur Welt brachte. Auch F117 wurde Mutter, irgendwann zwischen dem 20. und 24. September. 2 Wochen später konnte ich 6 ganz kleine Mäuschen vor ihrem Nest spielen sehen. Männchen war keines da, der wahrscheinliche Vater M25 hatte sich aus dem Staub gemacht: Er war bei F43!

F117 hatte viel mehr Junge auf die Welt gebracht, als alle anderen Weibchen. Eine Wurfgröße von 6 ist zwar normaler Weise nicht ungewöhnlich, aber nach der schrecklichen Hungersnot hatten die meisten ausgemergelten Weibchen nur 1 oder 2 Junge im ersten Wurf. F117 bekam dann in der gleichen Saison noch einmal 4 Junge, Mitte November. Dann war die Fortpflanzungssaison schon wieder vorbei. Beim letzten Wurf hatte aber neben F117 auch ihre bereits erwachsene Tocher F98 Junge bekommen, und beide Weibchen zogen diese im gemeinsamen Nest auf. Die ersten Enkel von F117 waren also schon auf der Welt.

              Den Sommer durch lebte F117 mit ihrer Familie. Und 2004 spielte das Wetter mit, es regnete im April und Mai, und neues Mäusefutter wuchs. Ende Mai 2004 waren es immerhin noch 5 Mäuse in der Gruppe, darunter ihre Töchter F122, F188, F198 und F432. Und die anderen waren nicht alle gestorben, sondern manche waren einfach weggezogen. So ihre Tochter F166, welche ihr Territorium gleich nebenan hatte, gemeinsam mit F406. F406 war auch entweder eine Tochter von F117 oder von F98, also eine Enkelin. Auch F98, welche ja schon im Vorjahr Junge hatte, lebte noch. Allerdings war auch sie ausgezogen. Sie war dem trockenen Flußlauf gefolgt und hatte recht weit weg, in ca. 250 Meter Entfernung, eine eigene Gruppe gegründet. Die Nachkommen von F117 begannen also, das einst von der Dürre entvölkerte Land der Mäuse wieder zu besiedeln.

              Ich kannte F117 sehr lange, und auch sie kannte mich ganz genau. Um das Körpergewicht der Weibchen zu bestimmen, ohne sie zu fangen, nehmen wir zu den Nestbeobachtungen immer eine Waage mit, auf welcher etwas Erdnußbutter gestrichen ist. F117 sprang immer sofort darauf und so konnte ich sicher sagen, ob sie schwanger war oder Junge bekommen hatte. Hierbei war F117 gar nicht scheu, sah sie mich, kam sie angerannt, lief direkt an mir vorbei und sprang auf die Waage.

              Deshalb machte ich mir große Sorgen, als sie während einer Nestbeobachtung Anfang Juli nicht kam. Da stimmte etwas nicht, selbst wenn sie das Nest gewechselt hätte, würde sie doch sicher schnell bei mir vorbeischauen. Am nächsten morgen bestätigten sich die schlimmsten Befürchtungen: Wir fanden den Transmitter von F117, blutverschmiert. Augenscheinlich war sie einer Wildkatze zum Opfer gefallen. Der Verlust von F117 schmerzte sehr, doch wann immer wir ihre Töchter am Nest beobachteten, sahen wir auch etwas von F117 in ihnen. Und ihre Töchter bekamen im Jahre 2004 zahlreiche Kinder, so daß die Enkel und Urenkel von F117 weiterhin das Land der Mäuse beleben.

 

 

 

Weibchen 117 im Jahre 2003 vor ihrem Nest. Sie wiegt sich selber auf einer Waage, auf welche etwas Erdnußbutter geschmiert ist. Das Gewicht von 57g zeigt an, daß sie wahrscheinlich am Anfang einer Schwangerschaft steht. Wiegt sie an einem anderen morgen plötzlich 15g weniger, wissen wir, daß sie Junge zur Welt gebracht hat. Das war zum Beispiel am 24. September 2003 der Fall.

 

Weibchen 198

 

Mutter: F117 oder F98

Vater: M25

Geboren: Mitte November 2003

Gestorben: Anfang Mai 2005

Alter: 1,5 Jahre

Todesursache: Altersschwäche? Transmitter in Nähe Nest gefunden.

Partner: M457 bis Januar 2005, dann unbekannt

Von Gruppe 5, gründete eigene Gruppe 14

Kinder: 5 Töchter, 9 Söhne

Enkel: Mai 2005 unbekannt

F: Female = Weibchen, M: Male = Männchen

 

Weibchen 198 war mal wieder so eine richtige Charaktermaus. Mit zunehmenden Alter wurde sie immer gewitzter und gleichzeitig selbstbewußter. Sie wußte genau, wie mit den Forschern umzugehen war: Einfach um deren Stuhl herum flitzen zur Waage, das war’s. Ansonsten gemütlich vor dem Nest in der Sonne sitzen und sich von dieser komischen Art, die einen da beobachtet, nicht stören lassen.

              Daß sie auch sonst in ihrem Mäuseleben gewitzt war und wohl so einiges erleben mußte, wurde mir auch bald klar. Mitte Januar 2005, in der Trockenzeit, hatten wir ein schreckliches Gewitter mit 60mm Regen, mehr als ein Drittel des Jahresdurchschnitts in 48 Stunden. Das trockene Flußbett am Field Site führte zum ersten mal seit über 20 Jahren Wasser. Und das Nest von F198 war mitten darin, im reißenden Strom. Erleichtert fand ich sie aber 2 Tage später – der Fluß war längst wieder trocken – neben einem alternativen Schlafplatz sich sonnen. F198 war mit der Naturkatastrophe gut zurecht gekommen. Allerdings war die Hälfte ihrer Gruppe den Fluten zum Opfer gefallen. Wenige Wochen später muß das Leben von F198 wieder an einem Faden gehangen haben und ihre Schutzengelmaus der Schweiß auf der Stirn gestanden haben. Ich weiß nicht genau, was passiert war, aber der Schwanz von F198 war plötzlich nur noch halb so lang. Die andere Hälfte war wahrscheinlich einer Wildkatze oder einem Schakal zum Opfer gefallen. Wenn F198 hatte reden können, hätte sie wahrlich viel zu erzählen gehabt.

              Dabei hatte ihr Leben schön und harmonisch begonnen. Als Tochter oder Enkeltochter von F117 gehörte sie zu der dominanten Mäusegruppe Nummer 6. Gemeinsam mit ihren Schwestern F122 und F432 war sie im Jahre 2004 fleißig damit beschäftigt, die Gruppe 6 zu vermehren. Alle Weibchen bekamen Junge, aber trotzdem wuchs die Gruppe nicht sonderlich an. Im Dezember hatte sie ihr Maximum von immerhin 10 Mäusen erreicht, aber im Januar waren es nur noch 6, nach der Flut nur noch 3. Als Weibchen 198 im Mai 2005 verschwand, war die Gruppe nicht besonders groß: Nur 6 Mäuse, darunter F816 und F 746. Ob diese beiden Weibchen bis zur Saison 2005 überleben werden und die Gruppe 6 zu neuer Größe führen, wird man absehen müssen. Zu wünschen wäre es F198, deren Transmitter ich nahe ihres Nestes fand: Es schien nicht so, als ob ein Raubfeind sie weggetragen hatte. Vielleicht war sie nach einem langen und ereignisvollen Mäuseleben einfach an Alter und Erschöpfung gestorben.

 

 

Weibchen 116

 

Mutter: F117

Vater: M25

Geboren: 15. Oktober 2003

Gestorben: 10. November 2004

Alter: 1.1 Jahre

Todesursache: Wildkatze

Partner: M437

 

Kinder: 9

Enkel: noch keine

F: Female = Weibchen, F116 ist also Weibchen 116.

M: Male = Männchen

 

              Weibchen 116 war eine Maus mit Charakter. Wenn morgens ihr Gruppe aus dem Nest zum Sonnenbad raus kam, war sie ganz klar die Patronin. Dabei teilte sie ihre Nest mit ihrer Schwester F406. Diese war jedoch deutlich kleiner und deutlich scheuer als F116. Zwar konnte ich nie Aggressionen zwischen den beiden beobachten, und F116 verdrängte oder verjagte nie ihre kleine Schwester, aber irgendwie war sie trotzdem die Chefin. Morgens, nachdem die Mäuse aufgestanden waren, setzte ich mich näher ans Nest heran, um zu beobachten. Denn wenn ich früh kam, bevor die Mäuse aktiv waren, setzte ich mich noch weit entfernt hin, um die Tiere nicht aufzuwecken. Wenn ich dann näher kam, bemerkten mich die Mäuse sogleich und F406 verschwand wieder kurz im Nest. Das Verhalten von F116 war das genaue Gegenteil, sie sprang mir entgegen. Wie ich mich hinsetzte stellte ich die elektronische Waage neben meinen Klappstuhl. Nun doch etwas vorsichtiger, kam F116 angeschlichen, setzte sich auf die Waage, und leckte die Erdnußbutter ab. Etwa scheuer kam auch ihr Partner, Männchen 437 heran, und bald saßen beide Mäuse zu meinen Füßen. Aber ich war vor allem an den Gewichten der Weibchen interessiert, weswegen ich die Waage dann direkt vors Nest setzte, das 5 Meter von mir entfernt war. Nun kam auch die Kleine, F406, und ich wußte, ob die Weibchen schwanger waren oder Junge bekommen hatten.

              F116 war eine Tochter der F117. Somit entsprang sie dem legendären Geschlecht aus Busch 18. Busch 118 ist ein großer grüner Decerra Busch, in dem seit meinem ersten Studienjahr 2001 eine Gruppe Mäuse wohnt, welche besonders gut mit den menschlichen Beobachtern auskommt. F116 hatte diesen Busch aber nie bewohnt, denn ihre Mutter war vor ihrer Geburt dort ausgezogen. Statt dessen wuchs sie direkt am trockenen Flußbett auf, in einem dichten Gürtel aus Pineklbüschen und anderen Buscharten. Als sie erwachsen war, verließ sie jedoch das Nest ihrer Mutter, noch lange bevor die neue Fortpflanzungssaison anfing. Im Mai 2004, und wahrscheinlich schon deutlich früher, nahm sie ein verlassenes Territorium in Besitz, welches direkt an das ihrer Mutter angrenzte. Mit dieser und ihren Schwestern, die bei F117 verblieben, hatte sie aber trotz der räumlichen Nähe nicht mehr viel Kontakt. Aber sie war nicht allein, denn ihre kleine Schwester F406 kam mit ihr. Diese war einen Monat jünger als F116, kam aber aus derselben Gruppe. Es fand sich auch bald ein Männchen, das sich ihnen anschloß, eben M437. Dieser war tatsächlich nahe mit den beiden Weibchen verwandt, denn seine Mutter war F43, die große Schwester von F117. Trotzdem paarte er sich mit den Weibchen.

Anfang September 2004 verließ F116 unerwartet ihre Gruppe. Aber 14 Tage später kam sie zurück, und das nicht allein: In ihrem Maul trug sie ein kleines Mäuschen, zwei weitere liefen tapsig hinter ihr her. Noch zwei mal lief sie zu ihrem Nest und kam jedesmal mit einem Kleinen im Maul zum Gruppennest zurück, bis alle ihre 5 Jungen da waren. Die anderen Gruppenmitglieder, F406 und M437 schienen über den Zuwachs nicht erstaunt. Vielleicht hatten sie diese schon vorher in deren Nest besucht? Auf jeden Fall verhielten sich beide sehr freundlich den Jungen gegenüber.

Anfang Oktober verschwand F406, wir wissen nicht warum. Wahrscheinlich fiel sie einem Felsenbussard oder einer Wildkatze zum Opfer. Leider hatte sie vorher gar keine Jungen bekommen. Aber F116 bekam nun ihren zweiten Wurf, und neben den 3 Jugendlichen waren nun also auch vier ganz Kleine am Nest. Von den 5 Jungen aus dem ersten Wurf hatten nämlich nur 3 so lange überlebt.

Es war immer eine Freude für mich, die Gruppe von F116 zu beobachten. Ihr Nest war idyllisch in eine Felsspalte hineingebaut, aus welcher ein Lycium Busch sproß. Ich fühlte mich nie als Eindringling, die Mäuse waren von meiner Anwesenheit nicht gestört, sondern kamen freudig auf die Waage. Desto unerfreulicher waren die Nachrichten für mich, als ich Mitte November von einer zweiwöchigen Reise nach Namibia zurück kam und meine Lieblingsgruppe wieder beobachten wollte: F116 gab es nicht mehr! Während meiner Abwesenheit war sie von einer Wildkatze gefressen worden. Ohne Weibchen hielt es Männchen 437 nicht mehr lange bei der Gruppe. Er schloß sich ein paar anderen Weibchen an. Aber die inzwischen erwachsenen Jungen von F116 leben immer noch in einem idyllischen Nest zwischen den Steinen.

 

 

F116 auf dem Stein vor ihrem Nest.

 

 

 

Mäuseportrait

 

 

Weibchen 406

 

Mutter: F117

Vater: M25

Geboren: 15. November 2003

Gestorben: November 2005 noch am Leben

Alter: >2 Jahre

Todesursache:

Partner: M437; M497;M1625

 

Kinder: unbekannt

Enkel: unbekannt

F: Female = Weibchen, F116 ist also Weibchen 116.

M: Male = Männchen

 

Weibchen 406 stehr dafür, dass man die Kleinen und Unscheinaren nicht unterschätzen soll, dass ein angeblicher Loser womöglich ungeahnte Qualitäten besitzt. Dabei hielt ich F406 nie für einen Loser. Aber leid tat sie mir schon irgendwie. Sie war als junge erwachsene Maus von ihrem Geburtsnest ausgezogen, weg von ihrer Mutter F117. Allerdings nicht weit weg, ihr Nest war keine 50 Meter entfernt. Und sie lebte hier auch nicht alleine, sondern mit ihrer Schwester F116 und dem beeindruckenden und ugewöhnlich netten Mannchen 437.

              Ihre Schwester F116 war auch eine recht beeindruckende Maus, und F406 stand ständig in deren Schatten. Das war schon fast sprichwörtlich so, denn F406 wog 10g weniger als ihre Schwester. Und das ist viel für eine Maus, 45g gegenüber 55g. Die Gruppe hatte ein schönes Nest an einem Lycium Busch, welcher direkt an einem grossen Felsbrocken an einem leichten Hang wuchs. Die Gruppe sonnte sich hier idyllisch auf ihrer Steinterasse jeden Morgen. F116 war hier der Star, war in der Mitte der Gruppe, begrüsste jeden, und schien ganz selbstbwusst. Ihre kleine Schwester F406 schien viel schüchterner. Häufig verliess sie das Nest vor den anderen Gruppenmitgliedern, verschwand in den Büschen drumherum. Sie vermied zwar nich die anderen, sass auch manchmal mit ihrer Schwester im Körperkontakt, aber sie war nicht der soziale Mittelpunkt. Sie war das schwarze Entlein, ganz klar subdominant gegenüber F116.

              F116 bekam am 1. September Junge. Bei F406 schien fortpflanzungsmässig aber nichts los zu sein. Das konnte daran liegen, dass es noch ganz am Anfang der Fortpflanzngssaison war, oer eventuell daran, dass F406 durch ihre dominante Schwester reproduktiv unterdrückt war. Oder war F406 womöglich unfruchtbar? Spannend warteten wir darauf, was passieren würde.

              Im Laufe des Septembers wurde auch F406 schwerer, schliesslich schien sie in Fortpflanzungsstimmung zu kommen. Und dann? Dann verschwand sie plötzlich, und ward nicht mehr gesehen. Was war geschehen? Die Studenten hatten ihren leeren Transmitter abgenommen, und seit diesem Tag sah ich F406 nicht mehr bei den Nestbeobachtungen. War ein Unfall geschehen, der mir verheimlicht wurde? War die Narkose zu stark gewesen, die Maus daran gestorben? Das konnte ich mir eigentlich nicht vorstellen, warum sollten die Studenten einen solchen Unfall verheimlichen? Aber komisch war es schon, dass sie gerade zu dem Zeitpunkt verschwand, da ihr Transmitter entfernt wurde.

              Ich dachte noch lange an F406, und warum sie plötzlich verschwunden war. War sie beglückt von der Last des Transmitters befreit zu sein sorglos umhergelaufen und einem Raubfeind zum Opfer gefallen? Wir fingen überall am Field Site, aber nie ein Zeichen von F406.

              Fünf Monate später, schon fast ein ganzes Mäuseleben, passierte etwas vollkommen unerwartetes. Die Diplomandinnend des Jahres 2004 waren längst wieder im kalten Deutschland, während der Februar in der Sukkulentenkaroo nicht mit den Celciuses sparte: Kein Tag unter 30 Grad. Ruhe war in Goegap eingekehrt, ich beobachtete meine Mäusegruppen weiter, unterstützt von der Feldassistentin Berrit Kostka aus Münster. Sonst war nur noch Brigitte hier. Die Fortpflanzungssaison war zu Ende, wir konnten in Ruhe arbeiten. Da auf dem Field Site alles klar war, bekam Berrit den Auftrag, 1km entlang des trockenen Flussbettes zu fangen. Ich wollte wissen, ob markierte Männchen von uns dorhin abgewandert waren, auf der Suche nach einer Gruppe, in die sie einwandern konnte. Und wenn fremde Männchen bei uns auftauchten, wollte ich wissen, woher diese in etwa kamen.

              Berrit fing also brav eine Woche lang und markierte so manche Mause und fand das eine oder andere abgewanderte Mänchen. Als ich Ihre Daten durschaute, fiel mir aber etwas ganz anderes ins Auge: F406! Sie hatte F406 gefangen, die vor 5 Monaten verschwunden war! Und zwar (für Mäuse) weit weg von ihrem Ursprungsnest. Per Luftline über 800m, entlang des trockenen Flussbettes, der sicher als Auswanderungsroute gedient hatte, weit über einen Kilometer. Dazwischen schätzungsweise 10 fremde und feindliche Striemengrasmausgruppen. Auch war sie zu einer stattlichen Maus von über 60g herangewachsen, eine richtige Matriarchin. Zahlreiche andere Mäuse wurden in derselben Gegend gefangen, von denen viele sicherlich ihre Kinder waren. Da die Fortpflanzungssaison aber lange vorbei war, waren aller bereits erwachsen, und ich kann keine verlässliche Schätzung abgeben, wieviele Kinder sie tatsächlich hatte. Aber eines kann ich mit Sicherheit sagen: Sie hatte ihre eigene grosse und erflogreiche Gruppe weit weg voin zu Hause gegründet und schien mit mehreren ihrer erwachsenen Töchter zusammenzuleben.

Im November 2005, nach der Fortpfglanzungssaison 2005, fingend die beiden Feldassistenten Julain und Stella noch einmal entlang des Flusses, Und sie fanden F406 wieder, gesund und rund, immer noch an exakt derselben Stelle wie im Februar. Sie war hier also wirklich langfristig heimisch geworden und nun über zwei Jahre alt. Kaum eine andere Maus hat je dieses Alter im Freiland erreicht.

              Die Geschichte von F406 lehr uns drei Dinge: Erstens können die Unscheinbaren sich zu den wirklcih Erfolgreichen entwicklen. Zweitens sind es nicht immer die Männchen, welche abwandern. Es ist die Lehrbuchmeinung, dass bei Säugetieren in der Regel die Weibchen zu Hause bleiben, während die Männchen abwandern, um Inzucht zu vermeiden. Drittens kann Abwandern selbts für Weibchen eine sehr gute Strategie sein. F406 gründete nicht einfach eine neue Gruppe neben ihrer Geburstgruppe, sondern wanderte 1km weit weg, das ist für Mäuse fast durch ihre gesamte Welt. Und doch ist sie eine der erfolgreichsten Mäuse, die wir je hatten. Ich kann nicht sagen, wie alt F406 noch werden wird – denn noch lebt sie ja! Aber wir fangen wohl erst wieder im November 2006 am Fluss. Wir werden sicher viele ihrer Nachkommen dann in den Fallen haben, aber dass F406 drei Jahre alt wird, ist doch extrem unwahrscheinlich. Falls doch, lassen wir es Sie auf jedem Fall im SGM-Spiegel wissen!

 

F406 rechts, links ihre Schwester F116.

 

 

Weibchen 48

 

Mutter:?

Vater: ?

Geboren: 2002, zum ersten mal gefangen am 14. August 2003

Gestorben: Ende Dezember 2004

Alter: 2 Jahre

Todesursache: unbekannt, verschwunden

Partner 2003 Sept/ Okt M27, Nov/ Dez M 171

Partner 2004: M415, M115, M421, M413, M423, M437

Kinder: 7 Töchter und 10 Söhne 2003, 4 Töchter und 11 Söhne 2003.

Enkel: Mindestens 12.

F: Female = Weibchen

M: Male = Männchen

 

 

Zwei Sachen charakterisierten F48: Sie war fett und hatte ihr Nest an einem für Mäuse denkbar guten, aber für beobachtende Wissenschaftler denkbar schlechten Platz. Aber wir wollen ihr nicht Unrecht tun: Als ich sie im August 2003 zum ersten mal fing, war sie alles andere als fett. Sie wog gerade einmal 31g. Für eine erwachsene Striemengrasmaus ihres Alters bedeutet dies, daß F48 sehr ausgehungert war. Tatsächlich hatte sie als eine der wenigen Mäuse den Dürrewinter 2003 überlebt. Und ihre Kämpfernatur bewies sie dadurch, daß sie im Frühling 2003 mehr Kinder bekam als kaum ein anderes Weibchen, daß sie noch ein Jahr länger überlebte und auch 2004, diesmal als alte und wirklich etwas fette Matriarchin, noch einmal zahlreiche Junge bekam. Im Frühsommer des Jahres 2003 hatte sie ihr Gewicht nämlich auf fast 70g erhöht, sie wog also fast doppelt so viel wie gut 2 Monate vorher, als die Dürre zu Ende ging. Mit so einem Gewicht ging es natürlich gut durch den trockenen Sommer (Dezember bis April) mit wenig Futter. Im Mai 2004 wog sie dann aber immer noch 50g. Keines der anderen Weibchen in der Gegend war so schwer, und im November 2004 erreichte sie mit 76g ihr Spitzengewicht. Sie war also ein ganz schöner Brummer, und das mag erklären, warum sie ein derart großes Territorium hatte. Striemengrasmäuse sind sehr territorial, wobei vor allem Weibchen die Weibchen anderer Gruppen aus ihrem Territorium vertreiben (die Männchen sind fremden Weibchen gegenüber toleranter). Desto mehr Nachbarinnen ein Striemengrasmausweibchen hat, desto kleiner ist daher ihr Territorium. Nicht so aber bei unserem Dickerchen Weibchen 48, sie hatte viele Nachbarinnen, aber trotzdem ein großes Territorium. Dies lag wahrscheinlich daran, daß sich kein anderes Weibchen mit ihr anlegen wollte. Bei Striemengrasmäusen gewinnen die Dicken starken die meisten Auseinandersetzungen.

              Ihr Nistplatz war auch besonders. Die meisten Mäusegruppen nisten in einem Pinkelbusch. Man kann sich dann einfach vor diesen Busch setzen und morgens und abends die Mäuse raus- und rein gehen sehen. So wissen wir genau, wer zu welcher Gruppe gehört. F48 hatte ihr Nest aber in einem Binsenfled, daß die Größe eines halben Fußballfeldes hatte. Das ganze Feld einzusehen war somit vollkommen unmöglich und für uns war es schwer zu sagen, wer alles zu ihrer Gruppe gehört. Lediglich morgens trafen sich die Mäuse an einer bestimmten Stelle zum Sonnen, aber ob auch alle wirklich da waren, oder ein paar zusätzlich 30 Meter entfernt aus dem Binsenfeld zum Sonnen kamen, war nie ganz sicher. Aber für die Mäuse, die wir dort fingen, konnten wir dann schlußendlich doch sagen, zu welcher Gruppe sie gehörten.

              F48 war eine feste Größe, wenn man Fallen aufstellte. Sie hörte diese und war dann schnell da und in der Falle. Eigentlich konnte ich sie nicht besonders leiden. Sie war fett und schwer zu beobachten. Aber kaum eine Maus lebte so lange wie F48, sie gehörte einfach dazu, und war auch ganz sanft. Sie kam einfach aus der Falle raus, ja, war eher davon gestört, rausgejagt zu werden, als daß man ihre eine Falle gestellt hatte. Als sie im Januar 2005 plötzlich nicht mehr in den Fallen war, fehlte daher etwas in Goegap. Bei jeder Falle hoffte ich, F48 wäre doch noch drin, doch sie blieb verschwunden. Was ihr Schicksal war, weiß ich nicht, aber sie hat viele Nachkommen auf dem Field Site hinterlassen. Und diese leben immer noch in dem sicheren aber unbeliebtem Binsenfeld.

 

Mäuseportrait

 

 

Male 113

 

Mutter: F48

Vater: M27

Geboren: 15. September 2003

Gestorben: Anfang Februar 2005?

Alter: 1,5 Jahre

Todesursache: unbekannt

Partner 2003: F42

Partner 2004: F129, 182, 194, 434 (alle von einer Ursprungsgruppe)

Kinder: 2003: 4 Söhne, 2 Töchter

2004: 23 Söhne, 25 Töchter

Enkel: Mindestens 10 (stand April 2005)

 


In der Evolution ist derjenige erfolgreich, der besonders viel Nachkommen hat, und somit mehr Kopien seiner Gene an folgende Generationen nachgibt, als es andere zustande bekommen. Ein Paradebeispiel dafür dürfte Männchen 113 sein, genauso wie seine Mutter, F48, die alte Matriarchin vom Gras (siehe letzer SGM-Spiegel). Schnell wanderte er aber von zu Hause ab, und lebte mit F42 zusammen, mit welcher er 2003 einige Kinder zeugte. Vor dem Winter 2004 verließ er F42 aber und wanderte zur Nachbargruppe ab, welche im berühmt berüchtigten Busch B18 lebte (siehe Rodentia Artikel: Im jahr der Maus). Hier lebten zahlreiche miteinander verwandte Weibchen, nämlich F129, 182, 194 und F434. Als die Fortpflanzungssaison anfing, zogen von diesen aber 2 aus, während lediglich F129 und F182 in der Ursprungsgruppe verblieben. M113 lebte mit diesen beiden Weibchen zusammen, hielt aber auch noch Kontakt zu zwei der Abgewanderten: F194 und F434. Mit beiden Weibchen verbrachte er einige Nächte, und da dort außer ihm kein anderes Männchen gesichtet wurde, ist es wahrscheinlich, daß er auch der Vater ihrer Kinder war. Die Strategie von M113 war außergewöhnlich, und außergewöhnlich erfolgreich. Alle anderen Männchen im Jahre 2003 lebten entweder mit 1 bis 2 Weibchen zusammen, oder besuchten mehrere einzeln lebende Weibchen. M113 war der einzige, der beide Strategien verband, und damit auch einen deutlich höheren Reproduktionserfolg hatte.

Warum war M113 bei den Weibchen so erfolgreich? Wichtig war sicher, daß er alle seine Partnerinnen seit langem kannte. Er zog bei der Gruppe von B18 lange vor Beginn der Fortpflanzungssaison ein. Und auch die später einzeln lebenden Weibchen F194 und F434, die beide neue Gruppen gründeten, kannten ihn ja seit langem, da sie den Winter zusammen mit ihm verbracht hatten.

Für uns menschliche Beobachter hatte M113 eine freundliche Mentalität. Er war immer gut zu beobachten, saß gemütlich vor seinem Busch, und ließ sich von unserer Anwesenheit gar nicht stören. Er war aber auch zu all seinen Mitmäusen freundlich. Kam eine jugendliche Maus abends zurück zum Nest, wurde sie freundlich von M113 begrüßt, welcher den Jungspunt kurz beschnüffelte, und dann im Körperkontakt mit ihm saß. Seine Freundlichkeit mag ein weiterer Grund gewesen sein, warum er auch bei den Weibchen so erfolgreich war.

Anfang Februar lebte M113 in einer großen Familiengruppe in B44. F129 und F182 waren noch beide da, sowie über 10 junge erwachsene Mäuse, Kinder der drei alten. Abends beobachtet ich die Gruppe noch und sah M113 wie immer von links, von Richtung B18, zum Nest kommen, ein paar seiner Kinder begrüßen und sich dann etwas sonnen. Zwei Tage später fing ich an B44, um die Farbmarkierungen der Mäuse aufzufrischen. Ich war erstaunt, daß M113 nicht in den Fallen war, denn normaler Weise ließ er sich die Gelegenheit nicht entgehen. Als er auch die nächsten 2 Tage nicht in die Fallen ging, wußte ich, daß etwas nicht stimmte. Wahrscheinlich hat ihn das Schicksal im Feld erwischt, ein Raubtier. Eine andere Möglichkeit wäre, daß er seine Familie verlassen hat und abgewandert ist. Wir hatten Mitte Januar unerwartet Regen, und die Mäuse hatten im Februar/ März eine außergewöhnliche Fortpflanzungssaison. Auch die erwachsene Töchter von M113, welche mit ihm in B44 wohnten, wurden zum ersten Mal in ihrem Leben fortpflanzungsaktiv. Gut möglich, daß er abgewandert ist, um Inzucht mit seinen Töchtern zu vermeiden, und um eine neue Gruppe zu finden. Wir haben ihn allerdings bei keiner der anderen von uns beobachteten Gruppen je wiedergesehen, so dass ich dies leider bezweifle.

 

 

 

Aus Platzgründen haben wir M113 nur eine 13 auf die Seite gemalt. Das hat ihm aber kein Unglück gebracht.

 

 

Mäuseportrait

 

 

Male 141

 

Mutter: F42

Vater: M29

Geboren: 15. Oktober 2003

Gestorben: Mitte Dezember 2004

Alter:  1,2 Jahre

Todesursache: unbekannt

Partner bis Sept. 2004: F174, F420, F430

Partner ab Nov. 2004: F478

Kinder: 10 Söhne, 6 Töchter

(Davon 7 Söhne mit F478)

Enkel: Bisher keine (März 2005)

 

 

Das Leben von M141 war eine Seifenoper: Gute Zeiten, Schlechte Zeiten, unbarmherziges Schicksal, das Festhalten an der Familie, und unerwartet doch noch eine neue Liebe.

Aber der Reihe nach: Geboren wurde M141 im Oktober 2003, seine Mutter war das Weibchen 42. F42 hätte stolz auf ihren Sohn sein müssen, denn kein anderer ihrer Nachkommen war so erfolgreich, wie er. Als wir im Juni 2004 unsere Studien wieder aufnahmen, fanden wir ihn nur 100 Meter von seinem Ursprungsnest entfernt lebend, am Ende unseres Field Sites, an der Grenze zu einer Farm. Dort lebte er in einem Zyhpophyllum Busch mit der Nummer F-2 direkt neben dem trockenen Flußbett. Manchmal verbrachte er die Nach aber auch einen Busch weiter, in S127, ebenfalls einen Zygophyllum Busch. Hierbei waren beide Büsche nur 3 Meter voneinander entfernt.

M141 muß eines der glücklichsten Mäusemännchen in Goegap gewesen sein, denn er lebte nicht alleine in S127, sondern zusammen mit drei Weibchen: F174, F420 und F430, allesamt Schwestern oder Halbschwestern. Vom Casanova M113 mal abgesehen, hatte kein anderes Männchen mehr Weibchen. Und den Vieren stand ein schönes Territorium zur Verfügung, groß und mit vielen guten Nistplätzen. Niemand ahnte aber, daß sie eine gefährliche Nachbarin hatten, die Tod und Verderben für das kleine Mäuseglück bringen sollte.

Auf der anderen Seite des trockenen Flußbettes, weniger als 50 Meter vom Nest der Gruppe entfernt, war ein großer Steinhaufen, dabei mehrerer PKW-Große Felsbrocken, wie von einem Riesen aufeinander getürmt. Unter dem größten dieser Brocken war eine Höhle. Aus welcher es heraus stank, und vor welcher die Knochen in der Sonne bleichten.

An einem späten Nachmittag Anfang Juli war F420 auf dem Weg zurück zum Nest, als aus dem dichten Schilf neben hier ein grauer Blitz auf sie zuschoß. Es ging alles ganz schnell, F420 spürte noch nicht einmal einen Schmerz, sondern war sofort tot. Wenige Tage später fanden wir ihren Transmitter in der Höhle der Wildkatze.

Anfang September wurden die ersten Jungen im Nest von M141 geboren, und er war ein guter Vater. Die Mutter war wahrscheinlich F430, welche nun besonders viel Nahrung finden mußte, um genügend Milch zu produzieren. Wie ihre Schwester F420 lief sie meist in der Deckung der Büsche am trockenen Flußbett heran. Eines späten nachmittags hörte sie plötzlich ein Knistern hinter sich, und das war das letzte, was sie in ihrem Leben hörte. Wie ihre Schwester, so war auch F430 sofort tot, als die Pranke der Wildkatze sie zermalmte. Der Transmitter wurde später wieder am Eingang der stinkenden Höhle gefunden, in Sichtweite vom Mäusenest.

Dies war am 20. September, und von dem Harem von M141 war nur noch ein Weibchen übrig, F174. Drei Tage verschwand auch sie. Da sie keinen Transmitter hatte, wissen wir nicht sicher, was ihr Schicksal war. Aber die Pranke der Wildkatze hatte wahrscheinlich auch hier Rolle gespielt.

Aus dem stolzen Haremsbesitzer hatte das Schicksal nun einen alleinerziehenden Vater gemacht. Man könnte meine, M141 hätte womöglich seinen Jungen im Stich gelassen, und sich nach neuen Weibchen umgeschaut. Aber weit gefehlt, er stellte sich seiner Aufgabe, und war jede Nacht bei den beiden gut zwei Wochen alten Jungen am Nest. Eine Woche, nachdem das letzte seiner Weibchen verschwunden war, kam sogar plötzlich noch zwei weitere jüngere Mäuschen aus dem Nest, kaum mehr als 2 Wochen alt. Es war ein Wunder, daß diese ohne Mutter überlebt hatten, und es war sicher das fürsorgliche Verhalten von M141, welches seinen Kindern das Leben in dieser schweren Zeit gerettet hatte. In Gefangenschaft haben wir beobachtet, wie Männchen Junge mit Speichel gefüttert haben, und wahrscheinlich hatte auch M141 auf diese Weise seinen Kleinen am Leben erhalten, die eigentlich noch Muttermilch gebraucht hätten.

So lebte der Alleinerziehende Vater M141 mit seinen vier Jungen von zwei unterschiedlichen Müttern im Nest S127. Wenn er abends von der Futtersuche zurück kam, begrüßte er dort freudig seine Kinder. Diese waren inzwischen Jugendliche und gingen während des Tages ebenfalls alleine auf Nahrungssuche. M141 blieb einen ganzen Monat bei seinen Jungen, bis diese 6-8 Wochen alt sind. In dem Alter ist eine Striemengrasmaus schon ein junger Erwachsener.

Dann, Ende Oktober, war M141 plötzlich nicht mehr im Nest seiner Kinder. Er hatte in der Nachbargruppe, in einem Grasfeld eine neue Partner gefunden: F478. Das neue Nest war nur 100 Meter von dem seiner Kinder aus „erster Ehe“ entfernt, wir wissen aber nicht, ob er denen noch manchmal während der Nahrungssuche begegnete, doch ist dies wahrscheinlich. Auf jeden Fall lebten seine Söhne im April 2005 immer noch im alten Territorium. M141 bekam mit F478 aber noch einmal Junge, und half bei deren Aufzucht mit. Er war gerade ein Jahr alt geworden, als er zu F478 zog, kein schlechtes Alter für eine Maus. Anderthalb Monate später verschwand er aber, im Dezember 2005. Wir wissen nicht, was ihm widerfahren ist, doch ist es gut möglich, daß wieder eine graue Tatze im Spiel gewesen ist: Denn die Wildkatze lebt immer noch in ihrer stinkenden Höhle!

 

 

 

Mäuseportrait

 

 

Weibchen 129

 

Mutter: F43

Vater: M29

Geboren: Anfang Oktober 2003

Gestorben: 28. Februar 2005

Alter: 1.3 Jahre

Todesursache: Alter, Erschöpfung

Partner: M113

 

Kinder: 10 Töchter, 5 Söhne

Enkel: Mindestens 7 (März 2005)

F: Female = Weibchen, M: Male = Männchen

 

F129 war eine meiner Lieblingsmäuse. Klar, war sie doch eine Tochter meines Lieblings F43, und außerdem wohnte sie lange Zeit im besten Busch B18. F129 wurde im Oktober 2003 geboren, und eine der ersten Dinge, die sie sah, als sie als ganz Junge Maus ihren Kopf aus B18 steckte, war ich. Ihr Nest und ihre Gruppe stand immer runter meiner Beobachtung. Sie lernte uns Wissenschaftler schnell kennen und unsere Fallen mit dem leckeren Inhalt und der dummen Angewohnheit, zuzugehen. Aber F129 blieb da meistens cool, machten wir die Tür der Falle auf rat sie einfach heraus, auf unsere Hand, und von dort runter auf dem Boden.

Die Gruppe von F129 kam gut durch den Winter 2004. Im Frühling lebten viele Schwestern und Halbschwestern zusammen. Neben F129 noch F75, F182, F198 und F434. Als die Fortpflanzungssaison anfing, wanderten drei der Schwestern aber ab. F75, F198 und F434 gründeten je eine eigene Gruppe. F129 blieb aber mit F182 zusammen und beide Weibchen brachten wohl zwei Würfe auf die Welt. Hierfür verließen die Weibchen aber das gemeinsame Nest, und erst als die Jungen ca. 10 Tage alt waren, kamen sie zum Gruppennest zurück und zogen dort gemeinsam ihre Kinder auf. Dabei half auch ihr Partner, M113, der seit dem Winter mit den Weibchen wohnte. Dieser hatte aber auch noch andere Verpflichtungen, denn er fühlte sich offensichtlich immer noch zu der weiteren Schwester F198 hingezogen, und so manche Nacht verbrachte er bei ihr.

Im Dezember 2004 war die Fortpflanzungssaison vorbei, und F129 lebte in einer großen Mäusegruppe. Neben F182 war auch noch ihre erwachsene Tochter F466 dabei, die ebenfalls im gemeinsamen Nest schon Junge großgezogen hatte. Zudem noch etwa 10 jugendliche Mäuse. Eigentlich hätte jetzt relative Ruhe herrschen sollen, bis zur nächsten Fortpflanzungssaison im Frühling 2005.

Die Gruppe lebte jetzt nicht mehr in B18, denn dort war doe Schwetsre F434 mit ihrem Nachwuchs eingezogen. Statt dessen bewohnten sie B44, einen anderen Decerra Busch. Es war Trockenzeit, und so waren wir recht erfreut, als es am 18. Januar abends anfing zu regnen. Der Regen wurde aber immer stärkerund hörte die ganze Nacht hindurch nicht auf. Es war ein schreckliches Gewitter, welches in 48 Stunden mehr Regen brachte, als wir in der gesamten Regenzeit davor gehabt hatten. Als ich morgens im Regen zum Nest von F129 ging, schwante mir Böses: B44 war fast ganz unter Wasser! Wie waren die Mäuse damit umgegangen, wie ging es ihnen? Waren welche ertrunken, erfroren, gar von den Fluten hinweggeschwemmt worden?

              Antwort bekam ich am nächsten Nachmittag, als ich mich zur Nestbeobachtung vor B44 setzte. Zum Glück waren noch Mäuse da, aber wenigem, und F129 war nicht zu sehen. Am nächsten morgen, als die Mäuse herauskamen, um sich in der Sonne zu wärmen, zeigte sich aber: F129 war noch da, und es ging ihr gut. Auch der ganze Rest der Gruppe saß gemütlich beim Sonnenbad. Die Mäuse waren mit dem Unwetter also gut zurecht gekommen.

              Der unerwartete Regen in der Trockenzeit hatte unerwartete Konsequenzen: Es sproß und wuchs plötzlich überall, bei vielen Pflanzen hatte das Naß die Keimung bewirkt. Das bedeutete, es gab anstatt der normalen Hungersnot in der Trockenzeit nun Nahrung für die Mäuse im Überfluß, und dazu auch viel junges, proteinreiches Futter. Die alten Weibchen bekamen unerwarteter Weise noch einmal Junge. F182 und F129 verließen beide am 20. Februar das Gruppennest, und jede der Schwestern suchte sich ein eigenes Nest. Hier bekam F129 ihre Jungen, etwas 20 Meter vom Gruppennest entfernt, in der Nacht vom 20. auf den 21. Februar.

F129 hatte einen Transmitter, daher wissen wir genau, wo sie wann war. Anfang März war sie wieder zurück in B44, obwohl ihre erwachsenen Kinder, also der Rest der Gruppe, inzwischen in S95 wohnte, einem Nest 10 Meter entfernt. Auch bewegte sich F129 über zwei Tage nicht aus B44 heraus. Das war komisch und Besorgnis erregend. Ich zog Handschuhe an und schaute nach. Leider fand ich F129 tot im Nest. Es gab keine Hinweise auf Verletzungen. Ich denke, daß sie einfach an Erschöpfung gestorben ist, erzeigt durch die erneute Jungenaufzucht. Und die Jungen? Ich beobachtet die nächsten tage mehrere ganz kleine Mäuschen am Gruppennest. Ihre Schwester f182 war wieder zurück gekehrt, und vielleicht waren es nur ihre Jungen. Aber vielleicht hatte es F129 vor ihrem Tod noch geschafft, ihre Jungen zum Gemeinschaftsnest zu bringen, und auch einiger ihrer letzten Kinder haben überlebt.

Weibchen 129 vorne links. Hinten, mit schwarz markiertem Kopf, ist ihre Schwester F182, mit welcher sie permanent ein Nest teilte. Beide zogen gemeinsam die Jungen auf, deren Vater M113 war. M113 ist vorne rechts zu sehen. (Dezember 2004)

 

Die Kinder von F129 sonnen sich gemütlich am Nest S95 (März 2005)

 

 

Weibchen 194

 

Mutter: F43

Vater: M25 oder M29

Geboren: Anfang November 2003

Gestorben: Mitte Dezember 2004

Alter: 1.1 Jahre

Todesursache: Verschwand unbekannt

Partner: M113

Von Gruppe 5, gründete eigene Gruppe 14

Kinder: 3 Töchter, 7 Söhne

Enkel: 15

F: Female = Weibchen, M: Male = Männchen

 

Weibchen194 war eine Tochter des berühmten Weibchens 43 und eine jüngere Schwester von F129. F182 und F75 waren ebenfalls Schwestern von ihr, wahrscheinlich sogar aus demselben Wurf. Alle diese Weibchen gehörten also zur Gruppe 5. Die vier Schwestern lebten gemeinsam im Busch 18, bis die Fortpflanzungssaison 2004 anfing. Alle Weibchen bekamen im September 2004 Junge, F194 sogar in der gleichen Nacht wie ihre Schwester F129. Allerdings hatte F194 kurz vor der Geburt B18 verlassen, und sie sollte nie wieder zu ihrem Geburtsort zurück kommen.

              F194 hatte ihr Geburtsterritorium verlassen und ein eigenes Territorium etabliert. Da im Jahr zuvor eine schreckliche Dürre das Land der Mäuse heimgesucht hatte, gab es dafür Platz, denn die Populationsdichte war sehr gering. F194 wanderte weiter vom trockenen Flußbett weg, in die Gegend der Pumpe und von Busch 6, später sogar noch weiter Richtung des großen Grasfeldes. Es war im Jahre 2004 zwar normal, daß Weibchen ihre Gruppe zur Geburt verließen, die meisten kamen aber wieder zu ihrer Gruppe zurück, als die Jungen 10-12 Tage alt waren. Nicht so F194, sie hatte ein freies Territorium gefunden und gründete dort ihre eigene Gruppe. Sie bekam zwei mal Junge, im September und im Oktober, und zumindest einige von diesen blieben bei der Mutter, so daß eine neue Mutterfamilie gegründet wurde. Mitte Dezember war diese Gruppe immerhin 12 Mäuse groß. Neben F194 hatten auch ihre Töchter F460 und F542 in der neu gegründeten Gruppe Junge bekommen, als sie erwachsen wurden. Die Söhne wanderten hingegen ab. M553 wurde zwei Gruppen weiter entfernt das Zuchtmännchen der Gruppe 13. Er verpaarte sich hier mit F75. Dabei handelte es sich ja um die Schwester von F194, also um seine Tante. Trotz dieser Inzucht bekam er aber mehrere Junge mit seiner Tante und die Gruppe 13 gedieh gut.

              Warum hatte f194 eine neue Gruppe gegründet? Das lag wahrscheinlich einfach daran, daß sie ein günstiges Territorium gefunden hatte. Aber warum f194 und nicht eine der anderen Schwestern? Tatsächlich gründeten auch F75 und F434 je zwei neue Gruppen, in freien Gebieten, es war also nichts ungewöhnliches. Ungewöhnlich war eher, daß F129 udn F182 ständig zusammen blieben.

              Der Gruppe von F194 war aber kein Glück beschienen. Im Januare/ Februar wurde sie immer kleiner. Entweder wanderten viele der Mäuse ab, oder sie wurden gefressen. Im März verschwand die Gruppe total. Obwohl ich die Gegend weiträumig fing, ging mir kein Nachkomme von F194 oder ihrer Töchter  mehr in die Fallen. Statt dessen tauchten im selben Gebiet plötzlich fremde Mäuse auf, die mir unbekannt waren. Ich weiß nicht, warum die Gruppe von F194 verschwand, noch, ob die Tiere starben oder abgewandert sind. Gruppe 14 ist ein Mysterium geblieben.

 

 

 

Weibchen 426

 

Mutter: F102

Vater: ?

Geboren: Mitte November 2003

Gestorben: 30. März 2005

Alter: 1.3 Jahre

Todesursache: Raubfeind, Schakal?

Partner: M427, M407,

 

Kinder: ca. 7, 15 Junge mit anderen Weibchen derselben Gruppe zusammen

Enkel: unbekannt

F: Female = Weibchen, M: Male = Männchen

 

F426 wurde im November 2003 geboren, ihre Mutter war F102. Die Bindung zwischen Mutter und Tochter sollte ein Leben lang halten. Beide waren die Stammweibchen der Gruppe 8 im Jahre 2004. Während F102 bereits Ende August 2004 ihren ersten Wurf der Saison auf die Welt brachte, bekam F426 am 18. September ihre ersten Jungen; 4 Tage bevor F102 ihren zweiten Wurf gebar. F102 zog zur Geburt ihrer Jungen allerdings aus dem Gruppennest aus, kam später aber mit den jungen Mäusen zurück, so daß sich beide Weibchen an der Aufzucht der Jungen beteiligten. Es war uns daher nicht möglich zu sagen, welches Junges von F426 und welches von F102. Als F102 Ende Oktober verschwand, bestand die Gruppe aus 5 Mäusen. Darunter war F530, wahrscheinlich eine Tochter von F102 und damit eine Halbschwester von F426, oder sogar die Tochter von F426. Zwischen diesen beiden Weibchen, F426 und F530, entwickelte sich eine ähnliche Beziehung, wie sie zwischen F102 und F426 bestanden hatte: Beide blieben in der Gruppe 8, zogen aus, um Junge zu bekommen, kamen aber zurück, als diese 10 Tage alt waren, und zogen diese gemeinsam mit den Jungen des anderen Weibchens auf.

              F426 bekam während der Fortpflanzungssaison 2004 insgesamt 3 mal Junge, Ende September, Ende Oktober und Ende November. Sie blieb für die Geburten jeweils im Stammnest der Gruppe 8, dem berühmten Nest S5. Es war F102, die jeweils auszog, um ihre Jungen anderswo zu bekommen.

              Als im Januar 2005, der Trockenzeit unerwartet starker Regen viel, startete für die Mäuse eine außergewöhnliche Fortpflanzungsaison. F426 bekam ihren vierten Wurf Junge, wieder in S5. Auch F530 wurde schwanger, zog aber zur Geburt aus und kam später wieder zurück.

              F426 war eine sehr zahme Maus. Bei den Nestbeobachtungen kam sie sofort auf die Waage. Zwischen ihr und der Studentin Christina Keller entwickelte sich so ein gutes Verhältnis: F426 kam also nicht nur mit anderen Mäuseweibchen gut aus. Ende März 2005 fand ich den Transmitter von F426 im Feld: Ein Raubfeind, wahrscheinlich ein Schakal hatte sie gefressen. Sie hatte 4 mal Junge bekommen, ihre Mutter F102 und ihre Tochter F530 überlebt und ein sehr erfülltes Mäuseleben gehabt: Und eine Gruppe 8 mit 13 Mäusen zurück gelassen, welche zu den schönsten und harmonischen Gruppen an unserem Field Site gehört.

 

Männchen 619

 

Mutter: ?

Vater: ?

Geboren: Ende August 2004

Gestorben: Mai 2005 unbekannt verschwunden.

Alter: 0,7 Jahre

Todesursache: Unbekannt.

Partner: F588, F606

Eingewandert vom Fluß her

Kinder: 3 Söhne, 5 Töchter.

Enkel: Bis Mai 2005 keine.

F: Female = Weibchen, M: Male = Männchen

 

M619 stammt aus dem Gebiet vom trockenen Flußlauf, der durch unseren Field Site führt, allerdings weiter Richtung Norden. Die Mäusegruppen dort werden nicht untersucht, wir wissen aber nicht, woher genau er kommt. Ende November war er aber plötzlich am Field Site, 45g schwer, so daß er ganz zu Anfang der Fortpflanzungsaison geboren sein muß. Als er dann erwachsen und stark wurde, hat er wohl seine Geburtsgruppe verlassen und ging auf Wanderschaft. Zuerst fingen wir ihn am Gras bei Gruppe 3 von F48, aber dort blieb er nicht. Danach fingen wir ihn in der Gegend von Gruppe 14 von F194, dann wurde er bei der Gruppe 6 von F198. Aber nirgends blieb er.

              Erst als M619 Anfang Januar 2005 zu B18kam, dem Nest von Gruppe 12 hatte er anscheinend sein Schicksal gefunden. Bei dieser Gruppe blieb er bis Mai 2005, als M619 verschwand. Gruppe 12 hatte im Gegensatz zu Gruppe 14 und Gruppe 6 nicht nur ein, sondern zwei Zuchtweibchen, F606 und F588. Vielleicht war es das, was M619 hier hielt.

              M619 war einer dieser typischen Mäusemännchensofti/Paschas. Kam er abends ans Nest, begrüßte er alle Gruppenmitglieder ausgiebigst. Nicht nur seine Partnerinnen, sondern auch seine Stiefkinder. Er hatte auch ein gutes Verhältnis zu seinem Stiefsohn M583, dessen Vater M113 früher das Zuchtmännchen der Gruppe gewesen war. M113 liebte aber auch die Weibchen der Gruppe 5 und blieb bei diesen – F129 und F182 – als M619 die Gruppe 12 übernahm. M619 war einer dieser Typen, der von allen gemocht werden wollte. Keine andere Maus der Gruppe 12 war so nett zu seinen Mitmäusen.

              Daran erinnerte mich M619 an meine erste Maus BlackBlackBlack. Wie dieser hatte auch M619 eine ganz besondere Schwäche: Fallen. Überall fand man ihn in den Fallen. Und doch sollten diese beinahe sein Verhängnis werden. Als ich im Januar 2005 am Nest von Gruppe 12 find, war M619 natürlich in einer der Fallen. Wir bekommen die Mäuse heraus, indem wir sie aus der Falle in eine starke Plastiktüte schütteln. Als ich M619 heraus schüttelte, schlug er mit seinem Kopf unglücklich gegen die Eisenfalle. Mir blieb fast das Herz stehen, M619 lag bewegungslos in meinen Händen. Ich massierte ihm schnell das Herz und pustete ihm Luft in die Mäuseschnauze. Dann regte er sich wieder, aber es schien als wäre er gelähmt. Zwar bewegte er den Kopf etwas, konnte aber nicht richtig laufen. Ich massierte ihn noch etwas und hielt ihn in den Händen warm, hatte aber kaum noch Hoffnung, sondern nur Vorwürfe gegen mich selber. Vorsichtig legte ich ihn in den Schatten eines Busches. Als ich eine halbe Stunde später wieder die Fallen kontrollierte, war er weg.

              Am nächsten Abend beobachtete ich voller Verzweiflung die Gruppe 12. Mein Herz tat einen Sprung, als ich M619 am Nest antraf, wo er wie immer freundlich alle anderen Mäuse begrüßte. Das Erlebnis hatte aber Spuren hinterlassen: Er hatte seitdem eine Abneigung gegenüber Fallen. Fing ich, ging er nur noch einmal hinein, danach mied er sie für den Rest der Fangsession, bis zur nächsten, wenn er es wieder nicht lassen konnte.

              Mitte Mai 2005 fing ich ihn am Nest von Gruppe 12, aber während der folgenden Nestbeobachtungen war er nicht mehr da. Vielleicht ist er abgewandert und hat eine neue Gruppe anderswo gefunden. Ich befürchte aber, daß der Schakal, dem ich seinem Nest gesehen habe, seine Nase im Spiel gehabt haben könnte.

 

 

Männchen 631

 

Mutter: ?

Vater: ?

Geboren: 2004, im Januar 2005 auf den Field Site eingewandert

Gestorben: Dezember 2005 unbekannt verschwunden.

Alter: > 1 Jahr

Todesursache: Unbekannt.

Partner: F894; F946; F988

Eingewandert vom Fluß her

Kinder: 8 Söhne, 9 Töchter.

Enkel: Bis Dezember 2005 noch keine.

F: Female = Weibchen, M: Male = Männchen

 

 

M631 war ein typisches Zuchtmännchen: Gross, d.h. fett, und beeindruckend. Wie man sich einen Haremshalter vorstellen mag. Aber eben auch freundlich, ja friedfertig, kein Macho, sondern ein Softi: Wie es für Striemengrasmausmännchen typisch ist. Hierin unterscheiden sie sich stark von Hausmausmännchen. Beide Arten, Striemengrasmaus und Hausmaus, haben eine sehr ähnliche Sozialstruktur: Gemeinschaftsnester mehrere Zuchtweibchen, deren erwachsenen Kinder in der Gruppe verbleibenb, aber nur ein Zuchtmännchen. Bei beiden Arten sind diese deutlich grösser und stärker als alle anderen Gruppenmitglieder. Aber während das hausmausmännchen eher asozial ist, kaum soziale Beziehungen mit den anderen Gruppenmitgliedern eingeht, sogar separat in einem eigenen Nest scgläft, und aggressiv sein Territorium gegen fremde Männche verteidigt, ist das Striemengrasmausmännchen friedlich und sozial. Er schläft im selben Nest wie der Rest der Gruppe, und das Männchen initiiert mehr soziale Interaktionen, als irgend ein anderes Gruppenmitglied.

              M631 war genau so ein netter Kerl, und er hatte noch eine Eigenart, die typisch für Zuchtmännchen ist: Er liebte Fallen. Immer war er in der Falle, wenn eine aufgestellt wurde.

              Zum ersten Mal fing ich M631 Ende Januar 2005 bei der Gruppe 4 im kleinen Gras, dem Nest S192. Er wog bereits 43g, war also voll erwachsen. Wahrscheinlich war er von einer benachbarten Gruppe, die icht zu unserem Studiengebiet zählte, eingewandert. Er wurde auch ein paar Mal bei dieser Gruppe beobachtet, obwohl diese mit M527 ein grosses starkes Zuchtmännchen hatte. So hielt es M631 dort nicht lange aus. Er schien etwas umherzuwandern, war dann aber im September das fest etablierte Zuchtmännchen der Gruppe 5. Mit 3 Zuchtweibchen war das sicher ein gutes Los. Er verbrachte die gesamte Fortpflanzungssaison 2005 mit diesen Weibchen, die Gruppe wurde mit 26 Mäusen fast die grösste am Field Site. Ende Dezember fanden wir seinen Transmitter in einem Busch keine 5 Meter vom Schlafplatz entfernt. Aber keine Spur von M631, wir haben ihn auch nie wieder gesehen.

 

 

Männchen 1009

 

Mutter: ?

Vater: ?

Geboren: Februar 2005

Gestorben: Lebte noch Dezember 2005.

Alter:

Todesursache:.

Partner: Keine, umherstreunendes Männchen

Eingewandert

Kinder: unbekannt

Enkel: unbekannt

F: Female = Weibchen, M: Male = Männchen

 

Ich weiss nicht, woher M1009 kam. Zum ersten Mal fing ich ihn im Juli 2005, aber da war er schon ein erwachsenes Männchen. Erstaunlicher Weise blieb er aber von Juli bis jetzt, d.h. Dezember 2005, mehr oder weniger an derselben Stelle. Erstaunlich ist dies, weil M1009 zu keiner Gruppe gehörte, sondern ein Einzelgänger war. Er stromerte durch die Territorien mehrerer Gruppen, die alle aus mehreren Zuchtweibchen und je einem Zuchtmännchen bestanden. M1009 schaffte es aber nie, selber zu einem Zuchtmännchen aufzusteigen. Warum er dann nicht abwanderte, auf der Suche nach einer anderen, einer friene Gruppe, weiss ich nicht.

Ein Grund könnte eventuell darin liegen, dass es M1009 als Junggesellen gar nicht so schlecht ging. Sein Home Range überlappte mit den Gruppen von S214, S203, S124, S221 und S160, an die Gruppen von S192, B18 und S116 grenzte es an. Theroetisch hatte M1009 also Zugang zu den Weibchen all dieser Gruppen. Das wären insgesamt ca. 17 Weibchen. Ein Gruppenmännchen hat hingegen nur 1-3, selten 4 Weibchen.

              Aber war M1009 wirklich erfolgreich bei den Weibchen, zu deren Gruppe er gar nicht gehörte? Leider haben wir keine Verhaltensbeobachtungen, welche eine Aussage zulassen. Aber wir haben die Schwanzspitze von M1009, aufgehoben in Alkohol. Und die Schwanzspitzen aller 17 Zuchtweibchen, iherer 8 Zuchtmännchen, und ihrere ca. 100 Kinder. Im Genetiklabor wird sich also die Frage beantworten lassen, ob M1009 der Vater von Mäusekindern zahlreicher Gruppen war, oder ob er nur einsam herumstreunerte, immer auf der Suche nach einem Weibchen, aber immer alleine. Drei Gründe gibt es aber, die vermuten lassen, dass er erfolgreich war: 1. Paaren sich Mäuseweibchen normaler Weise nur mit einem Männchen, das sie kennen. Und da M1009 6 Monate im selben Territorium hauste, kannten ihn wahrscheinlich alle Weibchen drumherum. 2. Am 2. September telemetrierten wir ihn nachts in einem Buusch zusammen mit F876 von S160, und 3. am 5. September zusammen mit F570 von S124. Aber endgültige Antwort werden wir erst haben, wenn wir den Vaterschaftstest gemacht haben.

 

Weibchen 892

 

Mutter: F198; F746

Vater: 527

Geboren: 15. Februar 2005, Gruppe 6

Gestorben: Lebte noch Dezember 2005.

Alter:

Todesursache:

Partner: 651, dann 835

 

Kinder: 13 Söhne, 8 Töchter

Enkel: Dez. 2005 noch keine

F: Female = Weibchen, M: Male = Männchen

 

F892 war eine dieser alten Matriarchinnen, die ihr ganzes Leben mit uns verbracht haben, sich an uns gewöhnt haben, ein Leben ohne uns gar nicht kennen. Seit sie als junge Maus das erste Mal aus ihrem Nest kam, kennt sie uns. Bei der Nestbeobachtung schenkt sie uns nicht viel mehr Beachtung als einem Busch. D.h., der Waage mit Erdnussbutter schenkt sie schon Beachtung. Diese benutzen wir, um die Mäuse zu wiegen, ohne sie einzufangen. So wissen wir, we schwanger ist, wer Junge bekommen hat. Als dies nach der Fortpflanzungssaison im Dezember 2005 aber eingestellt wurde, machte F892 schnell klar, dass ihr durchaus klar war, 1. woher die Waage mit der Erdnussbutter kommet und 2., dass es inakzeptabel ist, diesen guten alten Brauch einfach abzustellen, ohne das mit ihr zu diskutieren. Denn F892 ging schlich um die Büsche, als sie die Waage aber nicht fang, ging sie zu Stella, hüpfte auf ihren Schuh, sprang ihr rtatsächlich auf den Schoss. Erdnussbutter fand sie natürlich trotzdem keine, aber F892 war vorher noch nie einem Beobachter auf den Schuh oder Schoss gestiegen. Ich sags ja immer: „Dumm sind die Mäuse nicht!“.