Haltung von Striemengrasmäusen in Gefangenschaft

Die Striemengrasmaus

Von Annette Wiedon und Carsten Schradin

· Maus mit Modellcharakter
· Gruppenleben in Namaqualand
· Gemeinsame Jungenaufzucht und väterliches Verhalten
· Andere Länder – andere Sitten
· Verhaltensflexibilität auch in der Sukkulentenkaroo
· Weitere Studien
· Warum Forschung an der Striemengrasmaus?

Mäuseporträts

Soziale Interaktionen bei Tieren gehören zu den interessantesten Themen der Verhaltensforschung. Häufig werden nahe verwandte Arten untersucht, um die Gründe für Sozialverhalten zu erschlieflen. Einige Arten zeigen sogar innerartliche Unterschiede in ihrem Sozialsystem, so daß ein unmittelbarer Vergleich möglich wird. Die Striemengrasmaus ist eine solche Art.

Maus mit Modellcharakter

Verläßt man das kleine Städtchen Springbok und fährt landeinwärts, so erreicht man, noch bevor die schnurgerade Asphaltstraße in einem Schotterweg endet, das Goegap Nature Reserve. Das etwa 150 km2 große Naturreservat befindet sich im nördlichen Teil des Namaqualandes, eine für ihre Wildblumen bekannte und sehr trockene Gegend im Westen Südafrikas. Die Jahresniederschläge liegen im Mittel bei 160 mm, weshalb das Gebiet bereits als Wüste klassifiziert werden kann. Das Reservat beherbergt neben den schön gezeichneten Oryxantilopen, Springböcken und Bergzebras noch viele weitere sehenswerte Tierarten. Darunter auch die für den Besucher nicht leicht zu entdeckende und doch hoch interessante Striemengrasmaus (Rhabdomys pumilio). Diese etwa 10 cm große und 30 bis 80 g schwere Nagerart ist die einzige ihrer Gattung und durch die auffälligen vier schwarzen Streifen auf dem Rücken leicht zu identifizieren. Seit nunmehr vier Jahren wird ihr Sozialverhalten in Goegap untersucht. Hierbei geht es vor allem darum zu verstehen, warum Tiere in Gruppen leben, Väter sich an der Jungenaufzucht beteiligen und warum Tiere mit unterschiedlichen sozialen Strategien auf unterschiedliche Umweltbedingungen reagieren. Die Striemengrasmaus eignet sich hervorragend, um diese Fragen zu untersuchen. Eine wichtige Voraussetzung, um das natürliche Verhalten untersuchen zu können, ist die Möglichkeit einer direkten Beobachtung der Tiere in ihrem natürlichen Habitat. Bei den meisten Nagerarten ist diese Möglichkeit leider nicht gegeben, da sie nachtaktiv sind und ein verstecktes Leben führen. Nicht so die Striemengrasmaus. Sie ist tagaktiv und bewohnt in Goegap einen gut einsehbaren Lebensraum, der aus Büschen und dazwischen liegenden offenen sandigen Flächen besteht.
Da die Striemengrasmaus in Afrika weit verbreitet ist, kann man sie in recht unterschiedlichen Habitaten antreffen. So besiedelt sie außer dem trockenen Namaqualand auch feuchte Grasländer. Ihre Fähigkeit zur Adaption an diese ökologisch höchst unterschiedlichen Gebiete, macht die Striemengrasmaus zu einem geeigneten Studienmodell, um Einflüsse verschiedener Umweltfaktoren auf das Sozialsystem von Säugetieren zu untersuchen.

 

Gruppenleben in Namaqualand

Das Beobachten der Schlafbüsche im Goegap Nature Reserve ergab, daß nicht nur eine Striemengrasmaus von den ersten Sonnenstrahlen aus ihrem Nest gelockt wird, sondern bis zu 29 weitere! Die Mäuse leben also nicht allein, sondern in Gruppen. Alle Mäuse, die sich ein Nest teilen, werden als Mitglieder einer Gruppe betrachtet. Die Gruppenmitglieder verbringen zunächst eine gemeinsame Zeit vor dem Nest, in der sie sich sonnen und gegenseitig das Fell pflegen, bevor sie anschließend allein auf Nahrungssuche gehen. Als Nahrungsquelle dienen überwiegend Büsche, einjährige krautige Pflanzen und Sukkulenten. Wildblumen stellen für die Striemengrasmäuse eine wichtige Nahrungsquelle dar, die für die Fortpflanzung eine bedeutende Rolle spielt. Wahrscheinlich enthalten diese frischen Pflanzentriebe besonders viel Protein. Da die Wildblumen erst nach dem Winterregen und nur für kurze Zeit erscheinen, erstreckt sich auch die Fortpflanzungssaison nur über die drei Frühjahrsmonate von September bis November. Die Nachkommen sind ihrerseits nach anderthalb bis zwei Monaten und ab einem Gewicht von etwa 25 g fortpflanzungsfähig. Nach dieser Zeit gehen die Proteinressourcen aber bereits wieder zur Neige, so daß es für die meisten jungen Mäuse zu spät ist, sich noch im selben Jahr fortzupflanzen. Ebenso ist das Überleben einer dritten Generation durch die abnehmende Futterqualität gefährdet. Die Nachkommen verbleiben daher als junge Erwachsene in der Gruppe und pflanzen sich erst im nächsten Frühling fort. Statt in Fortpflanzung investieren sie ihre Energie in Fettvorräte, um Reserven für die trockenen Sommermonate zu haben. Ein weiterer Faktor, der diese Strategie begünstigt, ist die begrenzte Anzahl an Büschen, die dicht genug sind, um als Schlafplätze dienen zu können. Diese Büsche sind häufig bereits von Buschkaroo-Ratten (Otomys unisulcatus) besetzt, welche mit 120 g deutlich größer als die Mäuse sind und diese deshalb einfach von ihren Nestern fortjagen können. Abgesehen von den kurzlebigen proteinreichen Pflanzen sind das ganze Jahr über Büsche mit grünen Pflanzenteilen und einige Sukkulente vorhanden. Dieses ganzjährig zur Verfügung stehende Nahrungsangebot ermöglicht eine hohe Überlebenswahrscheinlichkeit des Nachwuchses – in der Sukkulentenkaroo beträgt sie über 20%, während in anderen Gegenden nur 2-3% der Jungen ein Jahr alt werden. Zu diesem hohen Prozentsatz tragen vermutlich auch der Verzicht auf Fortpflanzung zugunsten der Anlage von Fettvorräten sowie die zahlreichen Vorteile des Gruppenlebens bei. Die Vorteile, die das Gruppenleben dem einzelnen Individuum bietet, sind vielfältig. Da die Temperaturen in Winter- und Frühjahrsnächsten unter 0°C fallen können, ist der Nutzen durch gegenseitiges Wärmen im Nest ein extrem wichtiger Faktor. Mäuse, welche in einer Gruppe schlafen, verbrauchen weniger Energie, vor allem in kalten Nächten, denn sie halten sich gegenseitig warm. Ein weiterer Vorteil des Gruppenlebens ist wohl die erhöhte Wachsamkeit. Durch Videoaufnahmen eines Schlafnestes konnte festgestellt werden, daß nie alle Gruppenmitglieder gleichzeitig schlafen. Mindestens ein Individuum sorgt mit seiner Wachsamkeit ständig für die rechtzeitige Warnung vor nächtlichen Angriffen durch Freßfeinde, wie z.B. Schlangen oder Wildkatzen. Ein weiterer möglicher Vorteil des Gruppenlebens ist in der gemeinsamen Aufzucht der Jungen unter Mithilfe von Tanten, jugendlicher Gruppenmitglieder und des Vaters zu sehen.
Da viele der Jungen überleben und zu Hause bleiben, steigt die Populationsdichte nach der Fortpflanzungssaison entsprechend an. Ende des Jahres 2002 wurde sie auf 151 Mäuse pro ha beziffert, in den Territorien mancher Gruppen waren es sogar hochgerechnet über 200 Mäuse/ha. Auch die hohe Populationsdichte zwingt die jugendlichen Nachkommen in ihren Gruppen zu verbleiben, da keine freien Gebiete zum Abwandern vorhanden sind. Alle Gebiete um das Heimatterritorium herum sind von fremden Gruppen besetzt, welche äußerst aggressiv Eindringlinge verjagen. Die Gruppengröße kann daher bis auf 30 erwachsene Mäuse anwachsen.
Trotz der starken Konkurrenz um Futterressourcen wird das ganze Territorium von allen Gruppenmitgliedern benutzt. Das Gebiet, in dem sich eine Maus bewegt, wird als ihr Homerange bezeichnet, quasi ihre Heimat. Die Homeranges der Mäuse einer Gruppe überlappen zu 91%. Mit den Homeranges von Mäusen einer anderen Gruppe überlappen sie dagegen nur zu 13%. An den Gebietsgrenzen konnte zudem aggressives Verhalten gegenüber nicht zur Gruppe gehörigen Mäusen festgestellt werden, weshalb die Striemengrasmaus als territorial bezeichnet werden kann. Männchen zeigen geschlechtsspezifische Unterschiede in ihrer Aggression, indem sie sich gegenüber anderen Männchen aggressiver verhalten als gegenüber Weibchen. Die Aggression gegenüber fremden Weibchen scheint gemildert, da sie als potentielle Paarungspartner in Frage kommen. Ein zu heftiges Bekämpfen könnte die Akzeptanz bei den Weibchen in der kommenden Fortpflanzungssaison gefährden. Weibliche Striemengrasmäuse zeigen dagegen keine geschlechtsspezifischen Unterschiede in ihrer Aggression. Besonders aggressiv sind Striemengrasmäuse, wenn sie eine fremde Maus direkt vor ihrem Nest antreffen. Selbst eine deutlich schwerere Maus wird hier aggressiv vertrieben, während an Territoriumsgrenzen meist die leichtere der gewichtigeren Maus ausweicht.

 

Gemeinsame Jungenaufzucht und väterliches Verhalten

Eine Besonderheit des Gruppenlebens ist das Auftreten von gemeinschaftlicher Jungenaufzucht durch mehrere Weibchen. So pflanzt sich in der Sukkulentenkaroo nicht nur ein Striemengrasmausweibchen pro Gruppe fort, sondern häufig mehrere. Wie Untersuchungen zu Beginn der Fortpflanzungssaison gezeigt haben, bestehen die Gruppen aus einem Männchen und bis zu vier sich fortpflanzenden Weibchen. Die Weibchen ziehen die Jungen gemeinsam im gleichen Nest auf. Allerdings kann es passieren, daß ein Weibchen vor der Geburt ihrer Jungen das gemeinsame Schlafnest verläßt. Es kommt erst zurück, wenn die Jungen circa 12 Tage alt sind und schon selber laufen können, wenn auch noch sehr wackelig. Dieses Verhalten dient vermutlich dazu, zu verhindern, daß die anderen Gruppenweibchen, welche noch keine eigenen Jungen haben, die Neugeborenen töten, was bei einigen Mausarten vorkommt. Das kindstötende Weibchen beutet damit die erste Mutter aus. Die Mutter, deren Junge getötet wurden, ist nämlich immer noch mütterlich motiviert und produziert Milch, mit der dann die Jungen des anderen Weibchens gesäugt werden, wenn diese ein paar Tage später auf die Welt kommen.
Die in der Gruppe verbleibenden Nachkommen scheinen in ihrer eigenen Reproduktion gehemmt. Selbst wenn sie schon alt und groß genug sind, um sich selbst fortzupflanzen, tun sie dies nicht. Sie übernehmen statt dessen eine Helferfunktion bei der Aufzucht der nächst jüngeren Generation. Da es sich bei diesen Nachkommen i.d.R. um Geschwister handelt, erhöhen sie mit ihrer Fürsorge wahrscheinlich indirekt ihre eigene Fitness.
Aber nicht nur die Weibchen und deren Nachkommen sind an der Jungenaufzucht beteiligt. Es konnte gezeigt werden, daß auch die männlichen Striemengrasmäuse ihre Nachkommen umsorgen. Diese väterliche Fürsorge tritt nur bei 7% der bisher untersuchten Säugetierarten auf, erweist sich also als ein eher seltenes Phänomen. Unter den Nagerarten zeigen einige zwar in Gefangenschaft väterliches Verhalten, es gibt aber bisher kaum Hinweise für dieses Verhalten in freier Natur. Auch die männlichen Striemengrasmäuse wurden zunächst in Gefangenschaftsstudien beobachtet. Dabei konnten erstaunlicherweise kaum Unterschiede zum mütterlichen Verhalten festgestellt werden. Abgesehen von der fehlenden Fähigkeit zum Säugen, wärmen, lecken und pflegen die Väter ihre Jungen im gleichen Ausmaß wie die Mutter. Die Mütter tragen die Jungen lediglich öfter im Maul als der Vater. Beide Elternteile verbringen, wenn sie Junge haben, deutlich mehr Zeit im Nest als ohne Nachwuchs. Bei Männchen erhöht sich dieser Zeitanteil um etwa das Dreifache.

 

Andere Länder – andere Sitten

Vollkommen anders als bisher beschrieben gestaltet sich das Sozialsystem der Striemengrasmäuse in den fast 1000 km entfernten, in der Mitte Südafrikas gelegenen Graslandschaften. Grasländer finden sich z.B. in der Nähe von Pretoria oder in KwaZulu-Natal, eine südafrikanische Provinz. Diese Gegenden erhalten jährlich 800-1200 mm Niederschlag, der hauptsächlich als Sommerregen fällt. Dementsprechend üppig ist die Vegetation: Das gesamte Gebiet ist mit Gras und krautigen Pflanzen bedeckt. Der dadurch entstehende Eindruck einer hohen Futterverfügbarkeit täuscht jedoch, denn Gras gehört nicht zum Nahrungsspektrum der Striemengrasmäuse. Sie fressen überwiegend Samen, Beeren und Kräuter. Als Proteinquellen dienen dabei Samen und Insekten, die während des gesamten Frühjahrs und Sommers zugänglich sind. Über diesen Zeitraum von sechs bis sieben Monaten erstreckt sich auch die Fortpflanzungssaison. Aufgrund dieser erheblich längeren Zeitspanne, haben die im Frühjahr geborenen Nachkommen noch über mehrere Monate die Möglichkeit, sich fortzupflanzen. Tatsächlich wurde festgestellt, daß in den Grasländern die Mäuse schon als Jugendliche das Nest und Territorium der Mutter verlassen und abwandern. Während sich junge Mäuse in der Sukkulentenkaroo selbst bei einem Körpergewicht von 40 g und mehr nicht fortpflanzen, beginnen die Jungen in den Grasländern schon mit einem Körpergewicht von nur 25 g mit der Fortpflanzung.
Da die Mäuse das reichlich wachsende Gras nicht verdauen können (Mäuse sind keine Kühe!), sind sie auf die nur mühsam zu findenden Kräuter, Samen und Beeren angewiesen. Aufgrund des nur spärlichen Vorkommens dieser Futterquellen wird ein größeres Gebiet für die Nahrungssuche notwendig. Die Homeranges sind daher im Durchschnitt für Weibchen 6 mal und für Männchen sogar 10 mal so groß wie in der Sukkulentenkaroo. Weiterhin werden die Homeranges nicht mit anderen Mäusen geteilt, sondern exklusiv genutzt. Würde das Territorium mit etwaigen Gruppenmitgliedern geteilt, so wäre eine noch größere Fläche notwendig, um alle zu ernähren. Dies wiederum würde die Bewältigung weiterer Strecken erfordern, was letztlich einen höheren Energieaufwand, damit einen steigenden Futterbedarf und erneut größere Territorien bedeuten würde. Das Gruppenleben im Grasland ist folglich mit derart hohen Kosten verbunden, daß es für das Individuum effektiver ist, solitär zu leben.
Die Überlebenswahrscheinlichkeit der Striemengrasmäuse ist in den Grasländern relativ gering. Nur 2,3% der Mäuse werden ein Jahr alt. Eine wesentliche Rolle spielen hierbei der Mangel an Futter und die niedrigen Temperaturen im Winter. Vorteile des Gruppenlebens wie etwa gegenseitiges Wärmen im gemeinsamen Nest können aufgrund der solitären Lebensweise nicht genutzt werden. Zudem wird die Energie nicht in Fettvorräte, sondern in Reproduktion investiert. Die geringe Überlebensrate resultiert in einer ebenfalls geringen Populationsdichte von etwa 10-40 Mäusen pro ha. Ein Mangel an freien Territorien besteht somit nicht. Die jungen Mäuse können abwandern und ein eigenes Territorium besetzen.
In den Grasländern leben die Striemengrasmäuse also solitär. Ein Weibchen zieht folglich seine Jungen allein auf und diese verlassen das mütterliche Nest dann bereits als Jugendliche, um sich selber fortzupflanzen. Die Männchen sind nicht fest an ein Nest gebunden, sondern folgen einer umherstreifenden Strategie. Ihre Gebiete überlappen mit denen mehrerer Weibchen und sie besuchen mehrere Weibchen hintereinander, um sich mit diesen zu paaren. Väterliches Verhalten konnte in den Grasländern nicht beobachtet werden.
Durch die üppige Vegetation sind reichlich Schlafnester vorhanden. Da aber alles bewachsen ist und es keine offenen Stellen gibt, gibt es für die Mäuse auch keinen Ort, wo sie sich sonnen können, so wie es bei den Striemengrasmäusen in der Sukkulentenkaroo zu beobachten ist. Das Sonnen dient vermutlich dazu, Energie zu sparen. Da die Striemengrasmäuse der Grasländer diese Möglichkeit nicht haben, müssen sie einen größeren Anteil metabolischer Wärme erzeugen. Damit wird wiederum mehr Futter notwendig und der Zirkelschluss über größere Territorien hin zu dem damit verbundenen steigenden Energiebedarf beginnt von neuem.
Die Verfügbarkeit von Futter und freien Nistplätzen sowie die Möglichkeit zum Sonnen sind offensichtlich entscheidende Faktoren, die das Sozialsystem der Tiere beeinflussen. Trotz der solitären Lebensweise im Freiland, zeigen die Grasland-Männchen in Gefangenschaft väterliches Verhalten – und zwar im selben Ausmaß wie die Väter der in Gruppen lebenden Striemengrasmäuse der Sukkulentenkaroo. Diese Beobachtung bietet Grund zu der Annahme, daß nur die unterschiedlichen ökologischen Gegebenheiten für das unterschiedliche Verhalten im Freiland verantwortlich sind. Denn unter vergleichbaren Laborbedingungen wird vergleichbares Verhalten gezeigt. Väterliches Verhalten scheint somit eine reproduktive Strategie zu sein, die nur unter bestimmten ökologischen Bedingungen gezeigt wird.

 

Verhaltensflexibilität auch in der Sukkulentenkaroo

Wenn die unterschiedlichen Umweltbedingungen die Ursache für das unterschiedliche Verhalten sind, dann müßten die Bedingungen der Grasländer – übertragen auf die Sukkulentenkaroo – auch dort das Einzelgängerdasein begünstigen. Diese Hypothese konnte im Jahr 2003 nach der schlimmsten Dürre seit über 40 Jahren getestet werden. Aufgrund der großen Trockenheit nahm die Populationsdichte rapide ab. Im Jahr 2002 wurden 234 Mäuse individuell markiert und neun Gruppen beobachtet. Von diesen hatten bis zum Juli 2003 nur vier Individuen überlebt, bis zur Fortpflanzungssaison im September nur noch zwei Die Überlebensrate sank auf 2%. Alle neun beobachteten Gruppen waren ausgestorben. Um überhaupt noch ausreichend Daten über die Striemengrasmäuse sammeln zu können, wurde der Field Site von 2 ha auf 35 ha vergrößert. Anhaltender Regen im August initiierte das Pflanzenwachstum und ermöglichte damit einen späten Frühling, so daß sich die überlebenden Mäuse fortpflanzen konnten. Die Sozialstruktur der Mäuse gestaltete sich nach der Dürrekatastrophe ganz anders als in den vorherigen Jahren. Die Tiere lebten nicht mehr in Gruppen, sondern jedes Weibchen hatte ihr eigenes Nest und Territorium. Die Männchen blieben nicht mehr bei einem Nest, sondern vergrößerten ihr Territorium enorm, so daß sie die Territorien mehrerer einzelner Weibchen überlappten. Auch blieben die Jungen nach dem Erreichen des Erwachsenenalters nicht mehr zu Hause, sondern wanderten als Jugendliche ab. Bereits mit einem Gewicht von 25 g fingen die Jugendlichen an sich fortzupflanzen. In früheren Jahren wäre dies ein Skandal gewesen, denn damals blieben die Mäuse auch als über 40 g schwere Erwachsene zu Hause, ohne sich fortzupflanzen.
Kurz gesagt führte die Dürre zu einer geringen Überlebenswahrscheilichkeit und einer sehr geringen Populationsdichte - eine Situation ähnlich der in den Grasländern. Entsprechend zeigte sich auch das Sozialsystem vergleichbar dem der Grasländer: aus dem Gruppentier wurde ein Einzelgänger! Aber einen Unterschied gab es immer noch zwischen Sukkulentenkaroo und Grasländern: Die Fortpflanzungszeit war nur 3 Monate lang und damit weniger als halb so lang wie in den Grasländern. Das bedeutete, daß auch in diesem Jahr für die spät geborenen Jungen keine Möglichkeit bestand, sich selber fortzupflanzen. Als sie das richtige Alter erreichten, war die Fortpflanzungssaison nämlich schon zu Ende. Diese Mäuse blieben dann zu Hause, wohl um die Vorteile des Gruppenlebens zu genießen. So bildeten sich am Ende der Fortpflanzungssaison wieder Familiengruppen, auch wenn diese mit 3-9 Mäusen deutlich kleiner waren, als in den Jahren davor. Diese Gruppen blieben bis zur nächsten Fortpflanzungssaison stabil und die Überlebensrate war wieder sehr hoch: Mehr als 20% der Mäuse überlebten bis zum Frühling 2004.

 

Weitere Studien

Die Striemengrasmaus zeigt extreme Flexibilität in ihrem Sozialverhalten, sowohl zwischen als auch innerhalb von Populationen. Bei ihr kann man daher sehr gut die Gründe für soziale Flexibilität, Gruppenleben und väterliches Verhalten untersuchen. Während wir inzwischen die ökologischen Gründe für Sozialverhalten einschließlich väterliches Verhalten und kommunale Jungenaufzucht verstehen, gibt es noch viele Bereiche, in denen uns noch Informationen fehlen:
1. Ist das Verhalten der Mäuse wirklich evolutiv adaptiv, d.h. erhöhen sie dadurch ihren Fortpflanzungserfolg?
2. Wie bestimmt eine Maus welcher sozialen Strategie sie folgt und welche Umweltreize sind dafür zuständig?
3. Welche Einflüsse haben die sozialen Bedingungen, unter denen die Mäuse aufwachsen, auf ihr späteres Sozialverhalten? Verhält sich eine Maus, die in einer großen Familiengruppe aufwächst und in dieser auch als Erwachsener bleibt, im Erwachsenenalter anders, als eine Maus, welche als Jugendliche auszieht und alleine lebt? Welche Auswirkungen hat dies auf die sozialen Fähigkeiten der erwachsenen Tiere?
4. Welche physiologischen Faktoren gehen mit der sozialen Flexibilität einher? Wodurch wird Gruppenleben und väterliches Verhalten beeinflußt? Hierbei wäre vor allem die Rolle von Hormonen interessant. Haben in Gruppen lebende Tiere andere Hormonwerte als Einzelgänger? Und welchen Einfluß hat dies auf das Sozialverhalten?

 

Warum Forschung an der Striemengrasmaus?

Es sind also noch viele Fragen offen, aus denen sich mögliche Projekte für die Zukunft ergeben. Aber es stellt sich die Frage, warum man überhaupt Zeit, Energie und Geld in eine solche Forschung stecken sollte. Tatsächlich gibt es gute Gründe, dies zu tun:
Die Forschung und ihre Ergebnisse sind äußerst spannend. Viele Menschen interessieren sich dafür und sind erstaunt, wozu Mäuse in der Lage sind. Verhaltensforschung an sich ist ein Kulturgut, wie z.B. eine Oper. Und genauso, wie sich nicht alle Menschen für die Oper interessieren, müssen sich natürlich auch nicht alle für Tiere interessieren. Wichtig ist aber, daß es viele Menschen gibt, die sich dafür interessieren.
Die Striemengrasmäuse können uns helfen, auch das Verhalten von uns Menschen besser zu verstehen. Man möge meinen, dazu solle man doch besser Affen untersuchen (und ich habe das früher getan), aber die Mäuse haben ein Merkmal mit uns gemeinsam, welches den Affen fehlt: Soziale Flexibilität! Die Sozialsysteme der Affen sind meist sehr festgeschrieben. Sie leben entweder in Familiengruppen (z.B. Springaffen oder Gibbons), bilden Harems (z.B. Stumpfaffen oder Gorillas), oder leben in Gruppen aus mehreren Weibchen und mehreren Männchen (z.B. Paviane oder Schimpansen). Aber bei kaum einer Affenart kommt mehr als eine dieser Sozialstrukturen vor. Bei uns Menschen gibt es dagegen die verschiedensten Strukturen. Die soziale Variabilität ist nicht nur zwischen den Kulturen enorm, sondern auch innerhalb unserer westlichen Kultur: Einzelgänger, Gruppen, Monogamie, Polygynie (Vielweiberei), Kernfamilien, Großfamilien aus mehreren Generationen, gute Väter, Männer, welche nur Junge zeugen ohne sich an deren Aufzucht zu beteiligen und vieles mehr. Diese Variabilität findet man bei keiner Affenart, aber bei den Striemengrasmäusen!
Die Striemengrasmäuse ermöglichen es uns, die Einflüsse der Umwelt auf das Sozialverhalten und die damit verbundenen physiologischen Faktoren zu untersuchen. Da die Menschheit einer sich ständig wechselnden Umwelt ausgesetzt ist (wobei sie häufig selber für die Veränderungen verantwortlich ist), können wir froh sein, in der Striemengrasmaus ein Modell gefunden zu haben, mit dem sich diese Anpassungen untersuchen lassent. Von großem Vorteil ist hierbei, daß die Mäuse nur 1-2 Jahre leben, nicht Jahrzehnte wie Menschen und Affen. Man kann also viel schneller Effekte auf individuelles Verhalten herausfinden.
Die Erforschung der Tiere an sich ist schon spannend! Es ist bemerkenswert zu sehen, wie die Tiere im Laufe der Zeit einen individuellen Charakter erkennen lassen. Häufig sind wir erstaunt, wie ähnlich die Mäuse uns Menschen sind. Es ist natürlich unwissenschaftlich, die Mäuse vermenschlichen zu wollen, aber trotzdem sollen den Lesern auch einzelne Mäuse und ihre Lebensgeschichten vorgestellt werden. Lesen Sie die Mäuseporträts und sehen Sie selbst, wie spannend so ein Mäuseleben sein kann!


 

 

Junge Striemengrasmäuse (Foto: G. Schmohl)
Eine Mäusegruppe sonnt sich morgens vor ihrem Nest. Die Mäuse sind mittels Haarfarbe individuell markiert, so daß wir bei Nestbeobachtungen erkennen können, wer zur Gruppe gehört. Eine Farbmarkierung am Hinterteil bedeutet, daß es sich um ein Männchen handelt, bei einer markierten Brust ist es ein Weibchen. Vorne sitzen also Männchen 33 und Weibchen 23.
Eine Mäusegruppe sonnt sich morgens vor ihrem Nest. Die Mäuse sind mittels Haarfarbe individuell markiert, so daß wir bei Nestbeobachtungen erkennen können, wer zur Gruppe gehört. Eine Farbmarkierung am Hinterteil bedeutet, daß es sich um ein Männchen handelt, bei einer markierten Brust ist es ein Weibchen. Vorne sitzen also Männchen 33 und Weibchen 23.
Bereits im zarten Alter von 12-14 Tagen verlassen die Jungen zum ersten mal das Nest (hier ein verlassener Bau einer Pfeifratte). Die ersten Tage sonnen sie sich nur vor dem Nest, später werden erste Exkursionen unternommen.
Die Grasländer Südafrikas zeigen eine vollkommen andere Vegetation als die Sukkulentenkaroo. Auch die Mäuse leben hier ganz anders: Nicht in Gruppen, sondern als Einzelgänger.
Die Striemengrasmaus ermöglicht es uns zu untersuchen, warum Tiere in Gruppen leben, warum sich Väter an der Jungenaufzucht beteiligen und warum unterschiedliche Tiere verschiedene soziale Strategien verfolgen. Es ist aber auch schon spannend und interessant, einfach das Leben dieser Tiere zu verfolgen und zu sehen, wie es selbst bei Mäusen unterschiedliche Individuen mit eigenem Charakter gibt.