Namaqualand – Eine kurze Zeitreise durch die Geschichte

Von Berit Kostka

Mit lautem Dröhnen fuhr der Bus, der mich den langen Weg von Kapstadt hierher gebracht hatte, von der Haltestelle an der TOTAL-Tankstelle weg. Da war ich nun, in der rabenschwarzen Nacht der frühen Morgenstunden in Springbok und hatte nicht die leiseste Ahnung, was mich hier erwarten würde. Bisher hatte ich nur schwammige Informationen von Freunden, die von Springbok erzählt haben und ein Foto, das ich in einer früheren Ausgabe des SGM-Spiegels gesehen hatte. Mit so wenig Reisevorbereitung konnte ich es natürlich nicht abwarten, zu sehen, in was für eine Umgebung der Bus mich gerade gespuckt hat, und wie die Bewohner dieser Gegend waren. Aber ich mußte meine Neugier zunächst unbefriedigt lassen – eine Antwort zu meinen Fragen sollte ich erst ein paar Stunden später finden, als die Sonne über der inoffiziellen Hauptstadt Namaqualands aufging.
Als ich am nächsten Morgen aus dem Hotel kam, konnte ich mit wegen des gleißenden Sonnenlichtes zugekniffenen Augen einen ersten Blick auf meine neue Umgebung werfen. Der erste Eindruck war, daß Springbok überhaupt nicht so aussah, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nicht, daß ich überhaupt irgendwelche Vorstellungen hatte! Die Gebäude an der Hauptstraße erinnerten mich irgendwie entfernt an die Goldgräberzeit in den USA. Dahinter erhoben sich felsige Hügel, die nur spärlich mit Büschen bedeckt waren. So fand ich mich im Sukkulenten-Karoo von Namaqualand wieder, berühmt für die unübertroffene Vielfalt an Sukkulenten und Wildblumen im Frühling, die seinesgleichen sucht.
Aber wo genau in Südafrika befindet sich eigentlich Namaqualand? Es liegt an der Westküste von Südafrika und ist Teil der Karoo-Namib-Region. Diese kann man in drei Gebiete unterteilen: Die Wüste Namib, das Nama-Karoo und das Sukkulenten-Karoo. Letzteres reicht von Klawer und Loeriesfontein im Süden, in der Nähe von Springbok und Steinkopf im Osten vorbei bis hoch nach Namibia an die Küste nördlich von Lüderitz. Es gibt fünf geographische Regionen in Namaqualand, die sich nach ihrer jeweiligen landschaftlichen Beschaffenheit und Klimaverhältnissen einordnen lassen. Von Süden nach Norden sind das die Knersvlakte mit weitläufigen Ebenen und das zentrale Hardeveld, das weitgehend aus Granithügeln besteht. Entlang der Westküste zieht sich das riesige Sandveld, das, wie der Name schon sagt, hauptsächlich aus Sanddünen besteht. Weiter im Landesinneren befindet sich die gebirgige Region Kamiesberg und schließlich ganz im Nord-Westen das Richtersveld mit beeindruckenden Bergwüsten und trockenen Ebenen. Das Sukkulenten-Karoo von Namaqualand ist eine Gegend, die den Niederschlag hauptsächlich im Winter erhält, was unter den anderen Wüsten dieser Erde eher ungewöhnlich ist. Die jährliche Niederschlagsmenge bewegt sich zwischen 50mm an der Küste und etwa 300mm am Kamiesberg. Die Quecksilbersäulen können sich im Sommer tagsüber ohne Weiteres in den Mitt-Vierzigern ansiedeln, während sie sich in Winternächten auch mal in die Gegend um den Nullpunkt zurückziehen.
Ich war fasziniert von dieser kahlen Landschaft und begann mich zu wundern, von der hohen Biodiversität mal abgesehen, wie es eigentlich dazu kam, daß sich hier Menschen niedergelassen haben. In dieser Halbwüste, wo es doch scheinbar keinen Tropfen Wasser zu finden gibt, ganz zu schweigen von der sehr kargen Vegetation, die es doch unmöglich machen sollte, genug Futter für Nutztiere zur Verfügung zu stellen. Wie stellten es die ersten Siedler an, sich hier über Wasser zu halten? Ich wollte mehr über die Geschichte der menschlichen Besiedelung des Namaqualandes herausfinden.

Die Wiege der Menschheit

Schon vor etwa drei Millionen Jahren zog der erste Hominide, Australopithecus, in kleinen Clans durch Namaqualand. Der von ihm abstammende Homo erectus, der schon fähig war, Werkzeuge zu benutzen, besiedelte das Land vor etwa 800000 Jahren. Diese Jäger und Sammler aßen hauptsächlich wilde Pflanzen und bedienten sich an Beute, die von anderen Raubtieren gerissen worden war. Das konnte zum Beispiel Nashorn, Nilpferd, Riesengnu oder Büffel gewesen sein, aber auch kleineres Wild wie Wildschweine und Buschböcke. Vor etwa 120000 Jahren hatte sich aus H. erectus H. sapiens entwickelt. Überbleibsel und Beweise seiner Fähigkeit, Werkzeuge auch selber herzustellen, lassen sich an vielen Stellen in Namaqualand finden. Waffen ermöglichten es H. sapiens, Tiere zu erlegen, die viel größer waren als er selber. Dennoch formten Beeren, Knollen und andere Pflanzenteile den Großteil seiner Nahrung. H. sapiens sapiens trat vor etwa 40000 Jahren auf den Plan. Er ist unser aller gemeinsamer Vorfahr. Die sogenannten Buschmänner, oder San, zogen von der Küste ins Hinterland, immer auf der Suche nach geeigneter Beute oder Pflanzen, die sie sammeln konnten. Doch die einzigen Zeichen ihrer Kultur, die heute noch zu sehen sind, sind die einzigartigen Felsgravuren oder –zeichnereien.
Während in Ägypten sich schon vor etwa 5000 Jahren eine großartige Kultur entwickelt hatte und die Römer sich der Erweiterung ihres mächtigen Reiches widmeten, blieb es in Namaqualand bezüglich der kulturellen Entwicklung recht ruhig. Das änderte sich erst, als vor etwa 2000 Jahren die Khoikhoi, oder Nama, vom heutigen Nord-Botswana her einwanderten. Sie brachten etwas mit sich, das den San bisher unbekannt war, und das gleichzeitig ein geeignetes Mittel zu Reichtum und Macht darstellte: Nutztiere, hauptsächlich Ziegen oder Rinder. Bis zum heutigen Tag ziehen die Nachfahren der Nama im Richtersveld mit ihren Tieren durch die Landschaft, immer dem Regen und damit frischem Grün folgend.

Doch es blieb nicht bei dem friedlichen Miteinander zwischen San und Nama. Die Tiere der Nama grasten die Gebiete ab, die das Wild brauchte, von denen die San abhingen. Und die Nama mit ihrer weiterentwickelten Sozialstruktur, sie hatten Anführer, kannten Privateigentum und individuellen Reichtum, besetzten Gebiete, an denen auch die San als Jäger und Sammler interessiert waren. So war ein Konflikt unvermeidbar. Doch die schwächeren San mußten sich in weniger gute Gebiete zurückziehen, wurden zu Viehdieben oder wurden von den Nama versklavt, um als Jäger für sie zu arbeiten.

Die Europäer kommen!

Mit der Ankunft der ersten holländischen Pastoralisten, oder trekboere, im Jahre 1652, drang eine neue Gruppe von Nomaden in Namaqualand ein. Waffen und eingeschleppte Krankheiten machten es leicht, die von den Nama besetzten Gebiete zu erobern. Doch zwischen 1770 und dem Beginn des 19. Jahrhunderts forderten die Nama und San erfolgreich ihr Land zurück, und machten so die Ausbreitung der holländischen Kolonie rückgängig.
Erst die Briten, die 1806 ihr grausames und entwürdigendes Kommando-System einführten, ließen die Urvölker des Namaqualandes aufgeben. Die San wurden entweder gejagt, versklavt oder zu ökologisch minderwertigen Randgebieten verbannt. Die Nama erwartete ein ähnliches Schicksal, sie wurden ebenso versklavt, von den trekboere als Arbeiter benutzt, oder wurden in Gebiete wie den Kamiesberg und das Richtersveld abgeschoben. Diese Gegenden sind heute als Gemeinsames Land (communal land) bekannt, und etwa 40% der Bevölkerung von Namaqualand lebt dort. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden dort Missionarsstationen errichtet, und wo es durch ausreichend Niederschlag möglich war, bestritten die Menschen ihren Lebensunterhalt mit Ackerbau, meist Weizen. Heutzutage arbeiten die meisten Nachfahren der Nama entweder in der Fischereiindustrie an der Westküste, oder sind bei den großen Firmen im Kupfer- und Diamantengeschäft angestellt. Darüber aber später mehr. Diese gravierenden Eingriffe in das Leben der Urvölker im Namaqualand hat die traditionelle nomadische Lebensweise der San und Nama komplett und unwiederbringlich zerstört. Bis auf die Ausnahme der Nama im Richtersveld, die immer noch mit ihren Herden umherziehen.

Als der Trend zum privaten Landbesitz aufkam, kam auch die nomadische Lebensweise der trekboere zum Ende. Die Dutch East India Company führte 1708 in der Kapkolonie ein System ein, das die Nutzung eines Stücks Land sicherstellte, aber auch den trekboere erlaubte, ihre Schafe auf unbenutztem Land zu grasen. Unter Britischer Regierung kam eine neue Legislatur heraus, die es 1878 weißen Bauern ermöglichte, ihr eigenes Land zu erstehen, und schon bald darauf gab es in Namaqualand keinen Flecken freies Land mehr. Die Bauern zäunten ihren Besitz ein und ermöglichten sich so ein internes Rotationssystem für das Beweiden, sie ahmten also das Umherziehen der Herden nach. Landwirte heute besitzen zusätzlich noch Ländereien in weit entfernten Gebieten mit Sommer-Niederschlag, und die Tiere werden mit großen, lauten, stinkenden Lastwagen quer durch das Land dorthin „getrieben“. Zeiten, in denen die Tiere in langsamen Treks unter dem Sternenhimmel zu neuen Weidegründen getrieben wurden, gehören lange der Vergangenheit an.

Auf Schatzsuche

Doch Namqualand hielt noch andere Überraschungen bereit, die es seinen Bewohnern sogar bis heute ermöglichen sollte, sich einen Lebensunterhalt zu verdienen: wertvolle Metalle und edle Gesteine. Interessanterweise wurden die mineralischen Reichtümer Namaqualands nur dadurch entdeckt, daß ein gewisser Holländer mit Namen Jan van Riebeeck, der erste Kommandeur einer permanenten Siedlung am Kap, der Legende über das Goldene Königreich von Monomotapa nachgehen wollte. Viele Holländer glaubten fest daran, daß in diesem mythischen Königreich unglaubliche mineralische Schätze zu finden seien. So wurden zwischen 1660 und 1664 sechs Expeditionen auf die Suche nach diesem Königreich geschickt. Da sie aber während der heißen Sommermonate unterwegs waren, und von den extremen Klimaverhältnissen nichts ahnten, mußten alle früher oder später aufgeben. Als Simon van der Stel 1679 am Kap ankam, um die Regierung zu übernehmen, wurden zwischen 1682 und 1685 vier weitere Expeditionen losgeschickt. Diesmal während des weniger heißen Frühlings. Die dritte der Expeditionen war erfolgreich, sie fand den Kupferberg, der auch Carolusberg oder Koperberg (heute Teil des Goegap Nature Reserve) genannt wurde, und brachte etwas Kupfererz zurück nach Kapstadt. Van der Stel war so begeistert, daß er persönlich die vierte Expedition leitete, und sogar drei Schäfte in den Kupferberg graben ließ. Doch das gewonnene Erz enthielt nicht so viel reines Kupfer wie zuerst erhofft, und zusätzlich erschwerten die kargen landschaftlichen Bedingungen, weder Bäume noch Wasser waren zu finden, und die noch immer hafenlose Küste die Errichtung einer lohnenden Kupferabbauindustrie. Unter der Führung von Hendrik Hop wurde 1761 erneut eine Expedition nach Namaqualand gesandt. Das Erz des Kupferberges wurde erneut untersucht, aber wieder als recht kupferarm befunden. Ganz in der Nähe wurden jedoch reiche Kupfervorkommen gefunden, und trotzdem konzentrierte sich die Expedition auf mögliche Vorkommen am Oranje-Fluß im heutigen Richtersveld. Aber auch hier traf man auf die gleichen Probleme wie schon van der Stel. Es waren keine Rohstoffe zum Kupferabbau vorhanden, und er Fluß war durch Untiefen nicht zur Schiffahrt geeignet. So wurde die Erkundung der Kupfervorkommen in Namaqualand erst mal auf Eis gelegt. Erst als im Jahre 1736/37 James Alexander eine Expedition in die Gegend unternahm, fand er Vorkommen sehr kupferreichen Erzes an den Ufern des Oranje-Flusses. Nun erwachte das Interesse am Kupfer erneut. Doch es sollte noch ungefähr 10 Jahre dauern, bis die neu gegründete South African Mining Company das Erz anfing kommerziell abzubauen.
Eine Weile später kam der Deutsche von Schlicht nach Namaqualand und entdeckte durch Zufall ein riesiges Kupfervorkommen auf der Farm Springbokfontein. Zurück in Kapstadt versuchte er fieberhaft, Investoren für ein Kupferabbaugeschäft zu finden, blieb aber erfolglos. Sein Mitbewohner Jencken, der von den Vorkommen in Springbokfontein wußte, warb hinter dem Rücken von Schlicht’s die Firma Phillips & King als Investoren, die Springbokfontein zusammen mit allen Schürf- und Erweiterungsrechten im Jahre 1850 aufkauften. Damit war der Grundstein für eine kommerzielle Ausbeutung der Kupfervorkommen in Namaqualand gelegt und sollte zu einem regelrechten „Kupferrausch“ führen.

Namaqualand im Kupferwahn

Das Wachstum der Farm Springbokfontein war direkt mit der Eröffnung der dortigen Kupfermine verbunden. Es entwickelte sich rasch von einer Ansammlung aus einer Lehm- und ein paar Mattenhütten zu einer großem Minenstation mit Häusern für alle Arbeiter und sonstigen Angestellten, Lagerhäuser, Wagenreparatur, Schmieden, Ställen und Futterläden. Natürlich darf man Notwendigkeiten wie ein Postamt, eine kleine Kirche und – für alle Fälle – ein Gefängnis nicht vergessen. Die Arbeitergesellschaft bestand hauptsächlich aus Farbigen, aber auch Handelsleute, Soldaten, Seemänner, Bauern und Felsarbeiter trugen zur Ergiebigkeit der Mine bei. Doch die Kupfervorräte der Mine sollten bald erschöpft sein, und Springbokfontein wäre vollkommen verwaist, wäre es nicht 1855 zum Sitz des Magistrates der Cape Copper Mining Company erwählt worden. Erster Inhaber des Magistrats war ein Mr. Anthing. Er wurde jedoch von E.A. Judge im Jahre 1861 abgelöst. Allerdings hatte Anthing schon die Idee, den Hauptsitz an einen anderen Ort zu legen, denn das mittlerweile zum Dorf herangewachsene Springbokfontein gehörte zum Privatbesitz der Firma Phillips & King. Anthing mußte vor jeder Entscheidung Rücksprache mit Phillips & King halten, was natürlich eine enorme Einschränkung war. Es ging sogar so weit, daß nur Leute, die Phillips & King als „würdig genug“ empfand, in Springbokfontein übernachten durften. Sogar verheirateten Leuten war es verboten, sich im Dorf niederzulassen. Das machte es natürlich schwierig, bestimmte Ämter, wie zum Beispiel einen Rechtsanwalt, zu besetzen. Erst im Jahre 1862 wurde Springbokfontein der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, und es begann sich ein reges Sozialleben zu entwickeln. Fünf Jahre später hatte Springbokfontein auch ein eigenes Schmelzwerk bekommen, das es ermöglichte, das geförderte Erz direkt weiterzuverarbeiten. Doch nicht weit entfernt, in O’okiep, wirtschaftete ein Schmelzwerk wesentlich effizienter als in Springbokfontein. So wurde der Hauptsitz der Cape Copper Mining Company dorthin verlegt. Dies führte zu einer rapiden Abwanderung der Bevölkerung aus Springbokfontein, das sich von einer 1875 244 Einwohner zählenden Siedlung innerhalb von zwei Jahren zu einer Geisterstadt entwickelte.

Doch es sollte nicht dabei bleiben. Als 1881 die Transportkosten für Kupfererz wesentlich sanken, wurde die Mine in Springbokfontein wieder eröffnet. Die Bevölkerung stieg bis 1887 wieder auf die ursprüngliche Zahl an. Aber das Leben gestaltete sich äußerst hart, da Springbokfontein von dem sogenannten „Super“, einem Repräsentanten der Cape Copper Mining Company, regiert wurde. Er hatte eine regelrechte Tyrannei über die Stadt gelegt, erkannte den Bewohnern und Arbeitern keinerlei Rechte zu. Als schließlich dann noch eine schwere Dürre hereinbrach und Springbokfontein während des Burenkrieges1 angegriffen wurde, kollabierte die Einwohnerzahl erneut, und das Dorf war verlassen und heruntergekommen. Doch im Jahre 1900 kehrte das Leben zurück. Man pflanzte Bäume, um den Ort etwas ansehnlicher zu machen, eine Bibliothek wurde 1909 eröffnet. Die erste öffentliche Schule begann den Unterricht in 1911, und sogar Führerscheine wurden ausgestellt, ab 1914. Die Kupfermine mußte im Lauf der Zeit schließen, doch Springbokfontein blieb als lokales Zentrum erhalten. Der Name wurde 1911 zu seiner heutigen Form gekürzt.
Das größte Problem der kommerziellen Abbauindustrie war jedoch, und ist heutzutage immer noch, die große Distanz zwischen den Minen und den Absatzmärkten. Das am häufigsten benutzte Gefährt zum Transport des Erzes war der recht leicht gebaute Kap-Wagen (Cape Wagon), der von zehn Maultieren gezogen wurde. Den etwas schwereren Ochsenwagen benutzte man hauptsächlich während besonders guter Zeiten, da man mit ihm mehr Last transportieren konnte. Doch da das Erz über lange Strecken weitestgehend auf Sandstraßen befördert werden mußte, war die Last, die die Tiere auf den Wägen ziehen konnten sehr beschränkt. Daher lohnte sich diese Art des Transportes kaum. Phillips & King kaufte alle Farmen, die auf dem Weg nach Hondeklip Bay lagen, auf, um den Transport ihres Erzes an die Küste zu sichern. 1852 wurden die ersten 11 Tonnen Erz auf dem Dampfer Bosphorus ausgeschifft. Der winzige Küstenort Hondeklip Bay entwickelte sich daraufhin rasant und war 1857 zu einem emsigen Hafen geworden. Die Bedeutung als Handelshafen wuchs stetig, und so bekam Hondeklip Bay 1862 den Grad eines unabhängigen Verwaltungsbezirkes ver-liehen. Jetzt fehlte nur noch eine gut ausgebaute Hauptstraße zwischen Springbokfontein und Hondeklip Bay, um die Lage perfekt zu machen. Diese Straße sollte später unter dem Namen „Messelpad“ bekannt werden. Die Situation änderte sich jedoch dramatisch, als 1873 eine Eisenbahnlinie zwischen O’okiep und Port Nolloth eröffnet wurde. Die Einwohnerzahl von Hondeklip Bay sank zusehends und der Grad eines separaten Verwaltungsbezirkes wurde 1877 aberkannt. Heute dient Hondeklip Bay als kleiner Handelshafen für landwirtschaftliche Erzeugnisse.
Einen weiteren potentiellen Exporthafen sah man in Port Nolloth, nördlich von Hondeklip Bay. In früheren Zeiten verdiente man sich dort den Lebensunterhalt durch den Verkauf von Seehundfleisch und –häuten. Daher rührt auch der ehemalige Name Robbe Bay. Port Nolloth wies gegenüber Hondeklip Bay einige geographische Vorteile auf. Dennoch erreichte es nie die gleiche Bedeutung als Handelshafen für Kupfererz. Eine mögliche Erklärung dafür könnte die schlechte Instandhaltung der bestehenden Handelsstraße sein, doch auch das frühe Schließen der Minen im Norden Namaqualands taten ihr übriges. Mit dem 1869 begonnenen Bau der - zunächst von Maultieren gezogenen - Eisenbahnlinie zogen immer mehr Leute nach Port Nolloth, und bald schon übertraf die Einwohnerzahl die von Hondeklip Bay, mit 2000 gezählten Bewohnern im Jahre 1882.

Erst 1886 wurde die Bahnlinie auf Dampfbetrieb umgestellt. Auch Port Nolloth wurde zu einem unabhängigen Verwaltungsbezirk, obwohl einige lebensnotwendige Güter alle 14 Tage immer noch per Schiff aus Kapstadt angeliefert und Wasser aus fünf Meilen Entfernung angeschleppt werden mußte.
Trotz all dieser positiven Entwicklungen bot Port Nolloth einen jämmerlichen Anblick. Es war verdreckt und von Armut gekennzeichnet. Erst 1896 wurde ein Sanitärsystem eingerichtet. Und dennoch konnte die Lage auch während der kommenden 40 Jahre nicht verbessert werden.
Ganz anders war die Situation in O’okiep, das sich bis Mitte der 1860er Jahre zur wichtigsten Mine der Cape Copper Mining Company entwickelt hatte. Obwohl die Arbeitsverteilung noch weitgehend rassistisch gekennzeichnet war – Schwarze Arbeiter ober und unter Tage unter Weißer Aufsicht – war O’okiep doch zu einem Schmelztiegel aller möglichen Nationen geworden. So fanden sich Engländer, Franzosen, Kolonial-Holländer, Deutsche, Portugiesen, Italiener unter Afrikanischen Völkern wie San, Damara und Nama, um nur einige zu nennen. Es mangelte an nichts. Im Ort gab es Läden, Büros, Stallungen, Werkgaragen und eine Kirche, die gleichzeitig als Schule benutzt wurde. Um die Kranken zu behandeln, hatte man ein kleines Krankenhaus errichtet, und natürlich darf man die Wohnhäuser der Arbeiter und Mechaniker nicht vergessen.
Das Leben in O’okiep gestaltete sich also für die damalige Zeit recht angenehm, wären da nicht die Schmelzwerke gewesen. Sie verschmutzten die Luft gewaltig und machten O’okiep doch zu einem recht ungesunden Flecken Erde. Gegen Ende der 1880er Jahre, als die Einwohnerzahl etwa 2000 betrug, wurden zwei bis drei Beerdigungen pro Woche dem Bergbau zur Last geschrieben.
Nachdem O’okiep 1902 etwa einen Monat lang während des Burenkrieges besetzt war, währenddessen die Bahnlinien schwer beschädigt wurden, begannen harte Zeiten für die Abbaugesellschaften in Namaqualand. Zusätzlich erschwerten ein Mangel an Rohstoffen wie Koks, die anhaltende Schwierigkeit des Transports und ein Verbot des Exports von Schlacke nach England die Situation. Letztendlich mußte die Cape Copper Mining Company 1919 schließen, was ein schwerer Schlag für O’okiep und Port Nolloth war. Die Menschen hatten nicht mehr genug Geld, sich ihr tägliches Brot zu kaufen. Auch die Namaqua Copper Company mußte alle Abbauaktivitäten 1931 einstellen.

1939 lebte das Minengeschäft wieder auf, als die O’okiep Copper Company alle Besitzungen der Namaqua Copper Company aufkaufte. Sie errichtete 1945 in O’okiep ein Abbau-, Mahl- und Elektrizitätswerk, wodurch die Mine wieder in Betrieb genommen werden konnte. Doch nach mehreren Versuchen, die Bahnlinie nach Port Nolloth zu verbessern, wurde diese 1944 geschlossen und abgerissen. Port Nolloths Aufgabe als Exporthafen wurde aufgrund einer Reihe schlechter Eigenschaften, wie zum Beispiel ein ungeschützter Hafen, eingestellt. Statt dessen wurde das Kupfererz per Bahn nach Kapstadt zum Export transportiert. Das alte Problem einer unzureichenden Wasserversorgung der Minen blieb bestehen, bis in den 1940er Jahren pipelines zu Wasserreservoirs und zum Oranje-Fluß gelegt wurden. Heutzutage sind nur noch sehr wenige der Kupferminen in Betrieb.

Glitzern im Sand

Auf einem Tagesausflug nach Port Nolloth sah ich etwas merkwürdig aussehende Fischerboote, mit langen dicken Schläuchen, die neben ihnen im Wasser trieben. Wozu dienten sie, fragte ich mich? Es seien Diamantenfischerboote, die mit den Schläuchen die Diamanten vom Grund des Meeres wie ein Staubsauger aufsogen, wurde mir gesagt. Diamanten – der zweite Bodenschatz Namaqualands, deren Suche und Abbau sich zu einer regelrechten Manie entwickeln sollte.
Der erste, der nach den glitzernden Steinchen suchte, war Fred Cornell. Er kam 1901 nach Südafrika. Er glaubte große Diamantenvorkommen am Oranje-Fluß zu finden, die einst von weiter landeinwärts mit dem Fluß fortgewaschen wurden. 1910 startete Cornell eine Expedition die ihn von den Augrabies Falls entlang der Flußufer an die Küste in die Nähe von Alexander Bay bringen sollte. Immer wieder drehte er die Kiesel um, in der Hoffnung darunter den erhofften Reichtum zu finden. Doch es schien, wie heute bekannt ist, daß Cornell die Diamanten immer nur um Haaresbreite verpaßte. Dennoch war er überzeugt davon, in genau der Gegend Diamanten zu finden, in der er bereits suchte. Um seine Finanzen etwas aufzubessern ging er zurück nach London, um nach Investoren zu suchen. Das Schicksal machte ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung, als er tragischerweise bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, bevor er nach Namaqualand zurückkehren konnte.

Deutlich erfolgreicher waren die Expeditionen von Jack Carstens. Er war der erste der 1925 die verführerischen Edelsteine an der Küste Namaqualands fand. Gerade hatte er in der Nähe von Port Nolloth und auf der Farm Kleinzee weiter südlich eine kleine Diamantenindustrie eröffnet, als ein gewisser Hans Merensky, deutscher Geologe, anfing, in der Gegend nördlich von Port Nolloth nach Diamanten zu suchen. Fälschlicherweise ist er dafür bekannt geworden, als erster dieselben entdeckt zu haben. Doch tatsächlich hatte er erst zwei Jahre nach Carstens das Glück in Alexander Bay Vorkommen der kleinen Juwelen zu entdecken, und zwar in genau der Gegend, die Cornell Jahre zuvor so pingelig abgesucht hatte.

Merensky konzentrierte sich auf die südliche Seite der Mündung des Oranje-Flusses. Er glaubte auch, daß die Diamanten von landeinwärts mit dem Fluß Richtung See gewaschen wurden. Dort sollten sie von einer urzeitlichen Strömung nach Süden getragen worden sein. Also mußten auf der Südseite der Mündung Diamanten zu finden sein. Eine andere Theorie um das Gedankengut Merenskys besagt, daß er glaubte, durch eine Änderung der Meeresströmungen sei die Flußmündung nach Norden verschoben worden. Daher mußte er nur die ursprüngliche Mündung finden und dort anfangen, nach den kleinen Kostbarkeiten zu suchen. Woran er nun wirklich glaubte, können wir nicht wissen. Tatsache ist jedoch, daß er Recht hatte – allerdings aus den falschen Gründen, wie es recht häufig unter großen Denkern ist. Aber es hat ihm zu Erfolg im Diamantengeschäft verholfen. Heute ist bekannt, daß die Diamanten mit dem Benguela-Strom, der aus der Antarktis kommt, nach Norden getragen wurden. Vor Jahrmillionen trat der Oranje-Fluß etwa dort in die See, wo es heute der Olifants-Fluß tut, nahe der südlichen Grenze von Namaqualand. Daher lassen sich Diamanten entlang der gesamten Küste finden.
Als 1908 an der Küste zwischen dem Oranje-Fluß und Lüderitz in Namibia Diamanten entdeckt wurden, löste das eine wahre Manie aus. Horden von Diamantensuchern fielen über Lüderitz ein, in der Hoffnung unvergleichbaren Reichtum im Sand vergraben zu finden. Doch die Situation geriet außer Kontrolle und die damalige Deutsche Regierung erklärte das Gebiet noch im gleichen Jahr zum Sperrgebiet. Individuelles Diamantensuchen war von nun an verboten, und alle diejenigen, die Gebiete besetzt hielten, wurden gezwungen, Firmen zu gründen. Das Sperrgebiet existiert bis zum heutigen Tag, und immer noch ist kein normal Sterblicher erlaubt, es zu betreten, außer mit Sondergenehmigung und nur auf geführten Touren.

Namaqualand stellt sich also als ein Land heraus, dem man durchaus ein Überleben abgewinnen kann. Die Urvölker taten dies, indem sie auf die Natur hörten und auf die Zyklen reagierten. Die Europäer waren mehr von Gier und Materialismus getrieben und wandten daher eher radikale und auch respektlose Methoden an, um an die versteckten Reichtümer zu gelangen. Natürlich haben darunter nicht nur die Ureinwohner gelitten, sondern auch die Landschaft selber und die weit umherstreifenden Wildtiere, deren Wanderrouten durch die Zäune der riesigen Farmen unterbrochen sind. Sie fanden in den Nationalparks und Naturschutzgebieten ein neues Zuhause, doch es sollte nicht vergessen werden, daß doch die schönsten, wertvollsten und daher auch schützenswertesten Schätze die der Natur sind.

Weiterführende Literatur

  • R. Cowling, S. Pierce: Namaqualand – A Succulent Desert (2002), Cape Town
  • J. Carstens: A Fortune Through My Fingers (1962), Cape Town
  • F.C. Cornell: The Glamour Of Prospecting (1986), Claremont, SA
  • J.M. Smalberger: A History Of Copper Mining In Namaqualand (1975), Goodwood, SA
  • Lonely Planet: Africa – The South (1997), Singapore
  • Lonely Planet: Namibia (2002), Singapore

Traditionelle Nama Hütte
Nama-Frau
Springbokfontein 1880
Port Nolloth im Jahre 1905
Minenarbeiter in O’okiep (etwa 1890)
Diamanten-Boote in Port Nolloth
Diamantenwerk Kleinzee