Elefantenspitzmäuse in Goegap
Von Annette Wiedon und Carsten Schradin

Aufgeregt schnüffelt das kleine Tier mit seiner rüsselähnlich verlängerten Nase – ein Anblick bei dem sofort klar wird, welches Attribut das namensgebende war. Die Elefantenspitzmaus ist in die ihr gestellte Falle getappt und harrt nun dem, was da kommen mag. All die Aufregung ist ganz umsonst. Sie wird aus der Falle genommen, gewogen und auf ihr Geschlecht hin begutachtet. Damit sie bei späteren Fangaktionen wiedererkannt werden kann, bekommt sie einen numerierten Clip in ein Ohr und schon kann sie in der Weite des Namaqualandes eben diese suchen.
Die auf dem Field Site im Goegap Nature Reserve vorkommende Art ist die sogenannte Round-eared elephant shrew (Macroscelides proboscideus), zu deutsch Rund-Ohr Elefantenspitzmaus. Trotz der Länge von Namen und Nase mißt sie bis zur Schwanzspitze im Durchschnitt nur 23 cm. Erwachsene Tiere bringen immerhin ca. 45 g auf die Waage. Bei den oben beschriebenen Fangaktionen, die vornehmlich den Striemengrasmäusen gelten, gehen hin und wieder auch Elefantenspitzmäuse in die Fallen. Da in naher Zukunft auch Studien über diese Art geplant sind, werden bereits jetzt erste Daten über die gefangen Tiere gesammelt. Wer weiterliest kann im folgenden Abschnitt ein paar interessante Details über diese Spezies erfahren!
Elefantenspitzmäuse kommen nur auf dem afrikanischen Kontinent vor und sind auch da fast ausschließlich südlich der Sahara anzutreffen. Sie gehören der Ordnung Macroscelidea an und wurden lange Zeit fälschlicherweise als reine Insektenfresser klassifiziert. Schließlich stellte sich heraus, daß sie neben Ameisen, Spinnen, Termiten und anderen kleinen Invertebraten auch grüne Pflanzenteile, junge Wurzeln und Früchte fressen, so daß sie nun als omnivor, d.h. als Allesfresser gelten. Der Anteil pflanzlicher Nahrung an der gesamten Ernährung beträgt etwa die Hälfte. In den Wintermonaten, wenn es kaum Insekten gibt, kann dieser sogar bis auf 60% ansteigen. Das gefundene Futter wird dabei zunächst in den Backentaschen verstaut und erst in einem sicheren Versteck verzehrt. Elefantenspitzmäuse müssen nicht trinken. Sie decken ihren Flüssigkeitsbedarf über die Nahrung. Der spezialisierte Dünndarm hilft, den Wasserverlust bei Ausscheidung so gering wie möglich zu halten.
Als Behausungen bevorzugen Elefantenspitzmäuse Erdlöcher, die entweder schon vorhanden sind oder die sie bei losem, sandigen Untergrund selber graben. Aber auch dichte Büsche oder Felsspalten bieten ihnen Unterschlupf. Sie bewohnen diese dann meist allein, weshalb man sie fälschlicher Weise als solitär ansehen könnte. Tatsächlich leben sie aber in monogamen Paaren. Ein Männchen und ein Weibchen teilen sich ein Territorium. Trotzdem sind die Tiere sehr gesellig, und das Paar verbringt kaum Zeit miteinander. Soziale Kontakte treten lediglich über kurze Zeiträume auf, z.B. zum Zweck einer Paarung oder zwischen Mutter und Jungen. Während der übrigen Zeit gehen sich die Tiere regelrecht aus dem Weg. Über Einzelheiten des Sozialverhaltens ist aber bisher noch kaum etwas bekannt. Bei dem häufigen Wechsel der Unterschlüpfe bewegen sich die Tiere sehr schnell mit zick-zack artigen Sprüngen vorwärts und können Geschwindigkeiten um 20 km/h erreichen. Während der Nahrungssuche sind sie dagegen ausgesprochen langsam.
Elefantenspitzmäuse kann man sowohl nachts als auch tagsüber beobachten, wobei ihre Aktivität während der Dämmerung und in der Nacht am ausgeprägtesten ist. Dies mag zum besseren Schutz vor Raubfeinden dienen sowie der Möglichkeit, Wasserverluste aufgrund von Verdunstung so gering wie möglich zu halten. Vor allem im Sommer kann es tagsüber sehr heiß werden. Im Winter wird es hingegen sehr kalt und die Tiere fallen nachts in Torpor: sie werden unbeweglich, ihre Körpertemperatur und ihr Stoffwechsel sinken stark ab. Die Elefantenspitzmaus kann ihre Körpertemperatur rapide senken, in Extremfällen bis auf 10°C!Die Elefantenspitzmaus spart dadurch Energie! Das Tier kann bis zu 18 Stunden in diesem niedrigen Energie-Level verharren, wobei das Reaktivieren mit dem Sonnenaufgang synchronisiert scheint. Das Ausnutzen der Strahlung zur passiven Erwärmung spielt hier eine wichtige Rolle.Die hohe Flexibilität sowohl in ihrer Aktivität als auch in ihren Ernährungsgewohnheiten spiegelt die Toleranz gegenüber den von ihnen bewohnten üblicherweise trockenen Umwelten wieder.
Neben der hier beschriebenen Art der Rund-Ohr Elefantenspitzmaus gibt es noch weitere Arten der auf Afrika beschränkten Ordnung Macroscelidea, die sich ebenfalls wachsender Beliebheit erfreuen. Die Anzahl der Arbeiten über Elefantenspitzmäuse hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Beiträge aus dem Gebiet der Verhaltensbiologie sind dabei besonders zahlreich, was den allgemeinen Aufstieg dieser Forschungsrichtung widerspiegelt. Insgesamt wurden bis zum Jahr 2002 bereits 750 Arbeiten rund um die Elefantenspitzmäuse zusammengetragen. Im Vergleich dazu existieren mit 1050 Artikeln über den afrikanischen Elefant (Loxodonta africana) nur unwesentlich mehr Beiträge über den doch wesentlich größeren Namensvetter. Das Forscherteam des Goegap Nature Reserve bemüht sich diese Differenz weiter zu verringern

Rodentia Artikel über Elefantenspitzmäuse

 

2009 beendete Melanie Schubert ihre Doktorarbeit über Elefantenspitzmäuse an der Universität Bayreuth, wobei zwei Publikationen entstanden:

  1. Schubert, M., Pillay, N., Ribble, D. O. & Schradin, C. 2009. The Round-Eared Sengi and the Evolution of Social Monogamy: Factors that Constrain Males to Live with a Single Female. Ethology, 115, 972-985.
  2. Schubert, M., Schradin, C., Rödel, H. G., Pillay, N. & Ribble, D. O. 2009. Male mate guarding in a socially monogamous mammal, the round-eared sengi: on costs and trade-offs. Behav Ecol Sociobiol, 64, 257-264.